Der wohlstandsverwahrloste Sonnengott

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Oder: Wie Empörung ihren Gegner befördert, bis die Sprache selbst zur Satire wird

Nicht einmal ein Sonnenkönig genügte mehr. Es musste gleich ein Sonnengott sein.

Darin liegt bereits der eigentliche Reiz des Fundstücks. Nicht in seiner Schärfe. Nicht einmal in seiner erkennbaren Überhitzung. Sondern in seiner begrifflichen Schieflage. Denn der Sonnenkönig wäre immerhin eine kulturell sauber eingeräumte Figur gewesen: Ludwig XIV., Versailles, Mittelpunkt der Welt, höfische Umlaufbahnen, absolutistische Selbstinszenierung. Ein großes, überzogenes, aber bekanntes Bild. Man weiß, woran man ist. Die Maßlosigkeit hat Form.

Der Sonnengott dagegen ist schon die nächste, unsaubere Beförderung. Keine feste Redensart. Keine präzise Chiffre. Eher eine hastig zusammengeschobene Mischmetapher aus Sonnenkönig, Gottgleichheit und Unfehlbarkeit. Sprachlich verrutscht, innerlich aber vollkommen logisch. Denn solche Fehler geschehen nicht trotz Empörung, sondern wegen ihr. Wenn das vorhandene Vokabular nicht mehr groß genug erscheint, wächst der Gegner. Erst ist er unerquicklich. Dann narzisstisch. Dann zerstörerisch. Dann unfehlbar. Und irgendwann steht er da als metaphysischer Problemfall mit Privatadresse: der wohlstandsverwahrloste Sonnengott.

Gerade deshalb ist das falsche Wort hier das richtige. Es verrät mehr über die Temperatur der Zuschreibung als über ihren Gegenstand.

Der Sohn des Sonnenkönigs

Vielleicht ist das die präziseste Lesart: Der Sonnengott ist der Sohn des Sonnenkönigs.

Der Vater regierte noch über Spiegelachsen, Schlosshöfe und Etikette. Der Sohn herrscht bereits über Deutungsräume, Familienprosa und moralische Wetterlagen. Der Vater verlangte Verbeugung. Der Sohn verlangt, dass seine bloße Existenz als kosmische Zumutung empfunden wird.

So arbeitet Übertreibung, wenn sie sich nicht mehr mit dem Wirklichen aufhalten will. Was gestern noch maßlos war, erscheint heute beinahe moderat. Ein König reicht nicht mehr. Es muss ein Gott her. Der Gegner darf nicht bloß schwierig, verletzend, unerquicklich oder falsch sein. Er muss in eine Größenordnung versetzt werden, in der Differenzierung schon wie Verrat wirkt.

Und genau in diesem Moment kippt die Sache ins Komische. Denn wer jemanden so bezeichnet, sagt fast immer weniger über dessen tatsächliche Gestalt als über den eigenen Drang, ihn immer noch größer machen zu müssen. Die Sprache verliert ihre Bodenhaftung nicht aus Versehen. Sie opfert sie freiwillig, um an Wucht zu gewinnen.

Versailles am Kindergartenrand

Kein Sonnengott ohne Hofstaat.

Das ist die zweite Großtat solcher Feindbilder: Sie erzeugen sofort ein Planetensystem. Um den Sonnengott kreisen Kriechende, Dulder, Beschwichtiger, falsch Besorgte, Schweigende und jene diffusen Gestalten, die angeblich „alle längst verstanden haben“, was Sache sei. Wo der Gegner groß wird, wächst augenblicklich sein Gravitationsfeld.

Wer nicht entschieden genug widerspricht, gehört bald zum Hof. Wer nicht öffentlich genug verurteilt, wird verdächtig. Wer einfach weiterexistiert, ist schon Mitläufer. Wer beschwichtigt, stabilisiert das System. So entsteht jene eigentümliche moralische Astronomie, in der aus einem Konfliktpartner ein Himmelskörper und aus dessen Umfeld ein verdächtiger Umlaufraum wird.

Besonders zuverlässig erscheinen in solchen Ordnungen die Hohepriester des Kindeswohls. Ihre Formel ist einfach und nahezu unbesiegbar: Man denke doch bitte an die Kinder. Kinder sind in dieser Liturgie nicht mehr zuerst Personen, sondern die letzte Währung moralischer Legitimation. Wer sie anruft, braucht oft keine Wirklichkeit mehr. Der Hinweis genügt. Er salbt die eigene Härte und belastet den Gegner mit sakraler Sofortschuld.

So wird aus Streit Atmosphäre. Aus Atmosphäre Gewissheit. Und aus Gewissheit dann jener Satz, den jede Übertreibung liebt: Alle sehen es doch.

Nicht der Mann hatte einen Hof. Der Hof hatte ihn.

Wohlstandsverwahrlosung als Sakrament

Unter allen modernen Endurteilen ist Wohlstandsverwahrlosung eines der elegantesten.

Es klingt nicht nach Wutausbruch, sondern nach Befund. Fast nach Gutachten. Wer wohlstandsverwahrlost ist, ist nicht bloß unerquicklich, verletzt, schwierig, überreizt oder anstrengend. Er ist in seinem Kern bereits vom Falschen geformt. Das Wort erledigt die Erklärung, bevor sie überhaupt beginnen müsste.

Gerade darin liegt seine Schönheit. Es spart Wirklichkeit.

Man muss sich nicht mehr fragen, ob es reale Verletzungen, asymmetrische Vorgeschichten, soziale Gegenrahmungen oder schlicht einen harten, widersprüchlichen Konflikt gibt. Das alles wäre mühsam. Viel eleganter ist es, aus dem anderen eine sittliche Endform zu machen: zu viel Ich, zu wenig Demut, zu viel Anspruch, zu wenig Selbstbegrenzung, womöglich noch zu viel Wohlstand, zu viel Sprache, zu viel Geltungsdrang. Diagnose abgeschlossen. Verachtung freigegeben.

Wohlstandsverwahrlosung ist damit weniger Beschreibung als Exorzismus. Ein Wort wie ein Siegel. Einmal aufgedrückt, soll es jede weitere Differenzierung überflüssig machen. Darin ist es dem Sonnengott vollkommen ebenbürtig: Beide Begriffe leben nicht von Präzision, sondern von moralischer Endgültigkeit.

Man könnte sagen: Das Wort klingt nach Tiefe, gerade weil es das Denken bereits ersetzt hat.

Ein Gegner ist zu klein. Es braucht ein Klima.

Das eigentlich Bemerkenswerte an solchen Zuschreibungen ist nicht ihre Härte. Härte ist alt. Bemerkenswert ist der Moment, in dem Empörung nicht mehr schärfer, sondern ungenauer wird.

Genau dort beginnt die Groteske.

Der Gegner soll dann gleichzeitig lächerlich und allmächtig sein, unerquicklich und gefährlich, peinlich und unfehlbar, bemitleidenswert und schuld an allem. Das ist keine Anthropologie. Das ist barocke Feindpoesie in ziviler Kleidung.

Der wohlstandsverwahrloste Sonnengott ist deshalb nicht aufschlussreich, weil er eine treffende Figur wäre. Er ist aufschlussreich, weil an ihm sichtbar wird, wie Sprache ihren Gegner größer braucht, als die Wirklichkeit ihn hergibt. Der Affekt will nicht beschreiben. Er will aufblasen. Er will nicht klären. Er will befördern.

Und wo das Deutsche für diese Beförderung keine fertige Redensart bereithält, wird eben improvisiert. Genau dadurch wird die Sache vollkommen.

Denn das falsch gebildete Bild ist oft ehrlicher als das saubere. Es zeigt nicht den Gegner. Es zeigt die innere Not der Sprache, die ihn so braucht.

Die Würde des falschen Wortes

Man sollte das falsche Wort deshalb nicht vorschnell korrigieren. Gerade seine Schieflage macht es wertvoll. Wäre sauber vom Sonnenkönig die Rede gewesen, hätte man nur eine große, aber bekannte Übertreibung vor sich. Der Sonnengott dagegen verrät die ganze Mechanik der Eskalation. Hier arbeitet die Sprache sichtbar über Soll. Sie verliert ihre Form, weil sie ihre Wirkung steigern will.

Vielleicht ist das die eigentliche Würde dieses missglückten Begriffs: Er ist ehrlicher als seine Absicht. Er zeigt nicht den Gegner, sondern den Zustand der Sprache, die ihn braucht. Die Temperatur eines Urteils. Die Geschwindigkeit, mit der eine Zuschreibung ihre eigene Ordnung verlässt, um noch eine Stufe größer zu klingen.

Aus dem Menschen wird dann keine Person mehr, sondern ein Klima. Kein Gegenüber mehr, sondern eine Verdichtungsfigur. Kein Streitpartner mehr, sondern ein moralisches Wetterereignis mit Hofstaat.

Nicht der Mann ist hier die Groteske

Am Ende ist also vielleicht genau das die Pointe: Nicht der angebliche Sonnengott ist die eigentliche Groteske. Die Groteske ist die Sprache, die ihn so dringend braucht. Die Sprache, die aus einem Gegenüber einen Typus macht, aus dem Typus ein Klima und aus dem Klima ein Endurteil. Die Sprache, die lieber etikettiert als denkt. Die mit Wohlstandsverwahrlosung schon für tief hält und mit Sonnengott schon für groß.

Vielleicht hätte tatsächlich ein Sonnenkönig genügt.

Aber dann wäre die Sache weniger aufschlussreich geworden. Denn erst in der unbeabsichtigten Beförderung zum Sonnengott zeigt sich, wie moralische Überhitzung wirklich arbeitet: nicht präziser, sondern größer. Nicht wahrer, sondern totaler. Nicht klarer, sondern nur lauter verkleidet.

Und vielleicht ist das die letzte Eleganz der Satire: dass sie solche Wörter nicht einfach zurückweist, sondern sie ernst genug nimmt, um ihre Lächerlichkeit sichtbar zu machen.

Schlussbild

Der Sonnenkönig brauchte Versailles.

Der Sonnengott braucht nur noch einen schlechten Abend, ein überhitztes Urteil und ein Wort, das größer sein will als die Wirklichkeit.

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