Abschnitt 9

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Hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, hätte der Zauberberg sich leise geräuspert, weil er selbst so viel über Langeweile, Zeit und Kurzweil weiß; aber der Zauberberg war nicht im Raum, nur Hans war da, und Hans war der, der immer zuhörte.

„Hyperfokus bedeutet im Alltag oft: Kurzweil herstellen“, sagte Dr. AuDHS. „Zeit so erleben, dass sie schnell vergeht – weil ich drin bin. Langeweile ist der natürliche Feind davon.“

Er sah in den Raum, als suche er die Langeweile zwischen den Sesseln.

„Und ein überraschender Auslöser von Langeweile ist: mangelnde Organisation“, sagte er.

Ein paar Gäste verzogen das Gesicht, als hätten sie einen Papierstapel gesehen.

„Ein simples Beispiel“, sagte Dr. AuDHS, „und jeder kennt es: Ein paar Minuten Papier ablegen – easy. Ein riesiger Papierstapel nach Monaten – Qual.“

Er lächelte, diesmal offen.

„Warum? Weil der Stapel nicht nur Arbeit ist. Er ist mentale Last. Er ist Widerstand. Er ist der Moment, in dem unser Gehirn sagt: Zu groß. Zu unklar. Zu unerquicklich.“

Er sagte „zu unerquicklich“, und man merkte, dass er das Wort kennt, dass er es liebt, dass er es als Diagnose benutzt.

„Organisation macht Dinge klein“, sagte er. „Organisation macht Dinge machbar. Organisation macht Leben kurzweiliger.“

Hans dachte an Dr. Porsches Ritualzettel, an die abgewogenen Grammzahlen, an die Abendmessung der Diastole. Organisation, ja. Kurzweil? Vielleicht. Oder vielleicht eine neue Form von Gefängnis. Aber Dr. AuDHS sagte nun etwas, das wie eine Antwort darauf klang.

„Der Nebeneffekt“, sagte er, „Erfolg. Denn wer organisiert ist, erreicht Ziele planbarer, schneller, zuverlässiger. Und weil Organisation wiederkehrende Abläufe erzeugt, entstehen Routinen.“

Er machte eine kleine Pause.

„Routinen sind nicht Gefängnis“, sagte er. „Sie sind Freiheit. Weil sie mentale Last reduzieren und Platz schaffen für das, was wirklich zählt.“

Hans dachte: Freiheit durch Routine – das ist der Satz, der einen Deserteur zugleich tröstet und erschreckt.

„Wenn ich also Glück im Hier und Jetzt will“, sagte Dr. AuDHS, „gehört Organisation dazu. Nicht als Kontrolle – sondern als Entlastung. Nicht als Zwang – sondern als Weg, um wieder Luft zu bekommen.“

Hans atmete unwillkürlich tiefer.

„Wenn mein Sinn des Lebens“, fuhr Dr. AuDHS fort, „nicht nur jetzt Spaß, sondern auch lange gesund leben beinhaltet, dann führt kein Weg an zwei Bereichen vorbei: Training und Ernährung.“

Hier hörte man, wie im Raum eine Art Erwartung aufstand: Die Gäste hatten das, in einem Resort wie diesem, bereits geahnt; sie waren, wenn man streng ist, nicht zufällig hier.

„Und fit“, sagte Dr. AuDHS, „bedeutet hier nicht nur sportlich aussehen. Fit ist eine Kombination aus Ausdauer und Belastbarkeit, Beweglichkeit und Schmerzfreiheit, Muskulatur und Kraft – gerade im Alter.“

Er machte eine kleine Pause, als wolle er dem Alter die Würde geben, nicht als Drohung, sondern als Fakt.

„Ich persönlich“, sagte er, „habe für mich entschieden: Krafttraining ist mein Kern. Weil es intensiv ist, klar messbar, und weil es mir Euphorie und Fokus zugleich geben kann.“

Hans sah innerlich Ziesers Hände, die die Scheibe auf die Stange schoben, als sei es ein Sakrament.

„Es ist simpel“, sagte Dr. AuDHS, „und brutal ehrlich: Du hebst, was du heben kannst. Du wächst, wenn du dranbleibst.“

Man hörte, wie irgendwo im Raum ein Muskel zustimmte.

„Aber Training ist mehr als Sport“, fuhr er fort. „Training kann auch bedeuten: Hygiene und Gesundheitsroutinen zu beherrschen, Stressmanagement zu lernen, Schlaf zu schützen, und bewusst an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten.“

Hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, hätte Morgenstern aufhorchen müssen, und er tat es: Sein Gesicht wurde einen Ton ernster.

„Zu reflektieren“, sagte Dr. AuDHS, „wie wir auf Menschen wirken, die uns wichtig sind. Was wir verändern sollten. Wo wir noch zu impulsiv, zu hart, zu unklar, zu bequem sind.“

Das Wort „hart“ fiel wie ein Gewicht.

„Ernährung wiederum“, sagte Dr. AuDHS, „ist kein Dogma. Ernährung ist ein System, das im Alltag funktionieren muss: Es soll Gesundheit fördern, Genuss ermöglichen, Verdauung beruhigen, Leistungsfähigkeit stärken – ohne dauerhaftes Verzichtgefühl.“

Er sah in den Raum, als wüsste er, dass Verzicht in solchen Häusern wie eine Beleidigung klingt – und wie eine Sehnsucht.

„Und hier“, sagte er, „gilt ein Grundsatz, der viel Streit erspart: Nicht perfekt gewinnt. Sondern umsetzbar gewinnt.“

Er ließ den Satz stehen, als wäre er ein Motto, das man auf Tassen drucken könnte – und gerade deshalb wahr.

„Wer heute etwas ändern will“, fuhr er fort, „braucht keine Ideologie. Er braucht eine Routine, die hält.“

Er hob die Hand, als wolle er hinzufügen:

„Und ja: Bei all dem gilt natürlich – das ist keine individuelle medizinische Beratung. Wer gesundheitliche Themen hat, gehört in gute ärztliche Hände.“

Hans dachte an Dr. Porsche, an den warm-professionellen Riss in seiner Stimme, an die Werte, an die Empfehlung des längeren Aufenthalts. Gute ärztliche Hände, ja; aber auch gute Hände, die abwiegen, die protokollieren, die führen.

„Ich mache es konkret“, sagte Dr. AuDHS nun, und man merkte, dass er an eine Stelle kam, an der Rede ins Persönliche kippt; und dieses Kippen ist immer riskant, weil es entweder peinlich oder wahr wird.

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