Dann trat Dr. AuDHS ans Pult.
Er kam nicht feierlich, nicht wie ein Priester; er kam auch nicht hastig, wie ein Manager, der im Zeitplan steckt. Er kam so, wie jemand kommt, der den Raum als sein Medium kennt: mit einer Selbstverständlichkeit, die weder Eitelkeit noch Scham ist, sondern Beruf. Er trug – und das war unerquicklich, weil es so sehr zu ihm passte – ein Sakko, das zugleich nach Arzt und nach Start-up roch; und am Revers trug er dieses Schildchen, das Hans schon einmal am Morgen in der Bibliothek gesehen hatte, dieses Schildchen, das nicht „Name“ sagte, sondern „Funktion“:
Dr. AuDHS.
Er stellte sich hinter das Pult, legte die Hände auf die Kante, als wolle er prüfen, ob es wirklich da sei, und hob den Blick.
Dieser Blick, verehrte Leserin, verehrter Leser, war bemerkenswert.
Er war nicht streng. Er war nicht weich. Er war von jener Art, die man bei Menschen findet, die beides gelernt haben: den professionellen Abstand – und die private Beteiligung. Er sah nicht „über“ die Gäste hinweg, wie ein Redner, der schon im nächsten Satz ist; er sah sie an, als wären sie ein Problem, das er ernst nimmt. Und in diesem Ernst lag, wie immer bei ihm, eine feine Nuance von Amüsement, als wüsste er, dass Ernst ohne Ironie etwas Unmenschliches hat.
„Guten Abend zusammen“, sagte er. „Schön, dass Sie da sind.“
Er machte eine kleine Pause – nicht aus Unsicherheit, sondern als setze er den Takt.
„Ich möchte heute über ein Dilemma sprechen, das viele von uns kennen“, fuhr er fort, „auch wenn wir es selten so benennen. Ein Dilemma, das paradox wirkt.“
Er sah nicht auf Notizen. Er hatte welche – man sah es an einem Tablet, das neben dem Mikrofon lag, schwarz, flach, schweigend; aber er benutzte es nicht. Er sprach, als rede er aus einer inneren Schrift, die schon lange geschrieben war.
„Wir leben in einer Zeit des Überflusses“, sagte er, „und trotzdem fühlen sich erstaunlich viele Menschen innerlich knapp. Knapp an Ruhe. Knapp an Sinn. Knapp an echter Lebensfreude.“
Hans spürte, wie sein Ring am Finger – man könnte schwören, er tue es – wärmer wurde. Ein Reflex vielleicht, eine Einbildung; aber Einbildung ist, wie man weiß, eine der zuverlässigsten Realitäten.
„Und genau da“, sagte Dr. AuDHS, „beginnt unser Thema.“
Er lehnte sich ein wenig vor. Er tat es nicht, um zu drohen; er tat es, um Nähe herzustellen. Die rote Säule neben ihm glänzte, als wolle sie ihn stützen.
„Wir leben in einer gesättigten Gesellschaft“, sagte er. „Für die allermeisten von uns sind die Grundbedürfnisse gedeckt: sauberes Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Kleidung, medizinische Versorgung. Wir müssen nicht täglich ums nackte Überleben kämpfen.“
Er ließ den Satz stehen, als sei er ein Fundament.
„Und doch sind viele von uns ständig unterwegs“, fuhr er fort. „Nicht nur ‚viel beschäftigt‘. Sondern innerlich getrieben. Der Kalender ist voll. Das Handy ist voll. Die To-do-Liste ist voll. Und trotzdem: innen drin ist etwas leer. Oder unruhig. Oder beides.“
Man hörte, wie jemand im Raum das Glas abstellte, ein kleines Klirren, das in der Stille wie ein Kommentar klang.
„Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit damit, den Erwartungen anderer zu dienen, Abläufe zu erfüllen, Rollen zu spielen – oft in Jobs, die uns nicht wirklich erfüllen“, sagte er. „Und selbst wenn wir Freizeit haben, erleben wir etwas Merkwürdiges: Wir sind gleichzeitig gestresst und gelangweilt.“
Er lächelte kurz, nicht über die Menschen, sondern über das Absurde.
„Wie kann das sein?“
Er ließ die Frage in der Luft stehen, als sei sie ein Vogel, der nicht landen will.
„Ein großer Teil der Antwort“, sagte er, „liegt in dem, was man das hedonistische Hamsterrad nennt.“
Hans dachte an das Hamsterrad. Er dachte an Kurven, an Liegehallen, an die monotone Ordnung des Berghof – und daran, wie das Rad dort anders war: nicht Konsum, sondern Krankheit; nicht Kaufen, sondern Temperatur. Aber Rad war Rad.
„Wir rennen“, sagte Dr. AuDHS. „Wir arbeiten. Wir verdienen. Wir konsumieren. Wir freuen uns – kurz. Dann verblasst es. Und bevor wir überhaupt merken, was passiert, entsteht der nächste Wunsch. Und der nächste. Und wieder von vorn.“
Er machte mit der Hand eine kleine Kreisbewegung. Sie war fast kindlich. Und sie war sehr genau.
„Das Hamsterrad ist nicht nur ‚Kaufen‘“, fuhr er fort. „Es ist ein Mechanismus: Ein kleines Hoch. Ein kurzer Kick. Ein schneller Peak. Dann Normalisierung. Dann Leere. Dann der nächste Impuls.“
Er sagte „Impuls“ mit einer Betonung, die verriet, dass er das Wort nicht nur aus der Psychologie kannte, sondern aus sich selbst.
„Werbung und Medien verstärken das“, sagte er. „Sie trainieren unsere Aufmerksamkeit auf Dinge: Kleidung, Autos, Technik, Genussartikel, Dienstleistungen. Sie verkaufen nicht nur Produkte – sie verkaufen Versprechen: ‚Wenn du das hast, dann…‘“
Und nun – hier geschah etwas, das man, wenn man streng ist, als Theater bezeichnen könnte; wenn man milde ist, als Pädagogik: Er machte eine kurze Pause, als höre er diese Versprechen in sich, und dann setzte er sie fort, wie ein Chor.
„…dann bist du schöner. …dann bist du freier. …dann bist du erfolgreicher. …dann bist du endlich angekommen.“
Das Wort „angekommen“ klang im Musikzimmer, in diesem Raum der Übergänge, wie ein Scherz.
„Und wir kaufen oft Dinge, die wir nicht wirklich brauchen“, sagte er, „und bezahlen sie mit etwas, das wir nie zurückbekommen: Lebenszeit.“
Hans sah unwillkürlich nach draußen. Dort war Zeit, dort war Grün, dort war eine Welt, die sich nicht kaufen ließ. Und doch saß er hier, im Komfort, in der Rede, in der Optimierung.
„Und die Wissenschaft“, sagte Dr. AuDHS, „ist an diesem Punkt ziemlich klar: Reiner Konsum, reiner Hedonismus – vierundzwanzig Stunden am Tag – macht uns nicht dauerhaft glücklich.“
Er hob den Zeigefinger, nicht belehrend, sondern markierend.
„Selbst Menschen, die sich alles leisten könnten, leben nicht in permanentem ‚Mehr‘“, sagte er. „Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil es nicht funktioniert. Das System gewöhnt sich. Der Reiz wird normal. Das Niveau steigt. Die Messlatte auch.“
Er sah in den Raum, als suche er die Messlatte, die unsichtbar über den Köpfen hängt.
„Wir brauchen mehr als Konsum“, sagte er.
Und nun wurde seine Stimme einen Ton wärmer, fast – aber nur fast – pathetisch.
„Wir brauchen Ziele. Wir brauchen Sinn. Wir brauchen eine Struktur, die unser Leben nicht nur beschäftigt, sondern erfüllt.“
Hans hörte das Wort „Struktur“ wie ein altes Lied. Struktur war Berghof. Struktur war Liegekur. Struktur war Zeit. Struktur war auch der Ring.