Der Satz klang wie eine Überleitung zur Musik; aber es blieb Rede.
„Wenn unsere Evolution ein Tag ist“, sagte Dr. AuDHS, „dann leben wir heute in der letzten Minute. In dieser Minute ist unglaublich viel möglich – und unglaublich viel gefährlich.“
Hans spürte, wie in ihm das Wort „gefährlich“ nachklang, als hätte Clawdia es gesagt.
„Wir können unser Leben leichter machen als je zuvor“, fuhr Dr. AuDHS fort, „und wir können es leerer machen als je zuvor.“
Er machte eine Pause.
„Das ist unsere Aufgabe“, sagte er. „Nicht gegen die Moderne zu kämpfen. Sondern sie bewusst zu gestalten.“
Er sagte „bewusst“ mit einem Nachdruck, der verriet, dass Bewusstsein Arbeit ist.
„Nicht das Smartphone zu verteufeln“, sagte er, „sondern es als Werkzeug zu nutzen – statt als Betäubung. Nicht Konsum zu verbannen, sondern Konsum in Sinn einzubetten. Nicht perfekt zu sein, sondern konsequent in kleinen Routinen.“
Er hielt kurz inne.
„Und vor allem“, sagte er, „den eigenen Sinn zu kennen.“
Hans spürte, wie dieser Satz ihm ins Herz ging, nicht als Pathos, sondern als Stich.
„Denn wenn Sie Ihren Sinn kennen“, sagte Dr. AuDHS, „werden Ziele klar. Wenn Ziele klar sind, wird Organisation sinnvoll. Wenn Organisation sinnvoll ist, entstehen Routinen. Und wenn Routinen tragen, entsteht Freiheit.“
Der Satz war wie ein Uhrwerk. Er tickte.
„Und dann“, sagte Dr. AuDHS, und seine Stimme wurde wieder warm, „dann ist plötzlich wieder möglich, was wir als Kinder konnten: Im Hier und Jetzt leben. Mit Freude und Fokus. Mit Gesundheit und Kraft. Mit Gemeinschaft und Sinn.“
Er sah in den Raum, als wolle er, dass man es nicht nur versteht, sondern glaubt.
„Und wenn uns das gelingt“, sagte er, „dann ist das eigentlich die beste Definition eines guten Lebens: Ein Leben, das sich nicht nur beschäftigt anfühlt – sondern erfüllt.“
Er machte eine Pause. Man hörte, wie draußen ein Vogel – man könnte schwören, er tat es absichtlich – einen Ton in die Landschaft setzte.
„Vielen Dank“, sagte Dr. AuDHS.
Der Applaus kam nicht wie ein Sturm; er kam wie Regen: erst vereinzelt, dann dichter, dann gleichmäßig. Man klatschte, weil man klatscht, und weil man, in solchen Räumen, in solchen Häusern, gern das Gefühl hat, etwas Wesentliches gehört zu haben. Hans klatschte auch. Er klatschte nicht enthusiastisch. Er klatschte korrekt.
Und während er klatschte, spürte er, dass in ihm etwas nicht zur Ruhe kam.
Denn die Rede hatte, wie jede Rede, die gut ist, eine Unruhe erzeugt: sie hatte das, was man schon wusste, mit neuen Bildern versehen; und Bilder, verehrte Leserin, verehrter Leser, lassen sich nicht so leicht wieder aus dem Kopf entfernen wie Zahlen.
Als Hans später in seinem Zimmer lag – der Vorhang halb zugezogen, das Licht gedimmt, die Decke ordentlich über die Beine gelegt, als sei Ordnung eine Einschlafhilfe –, hörte er die Uhr im Kopf: dreiundzwanzig neunundfünfzig.
Er sah, mit geschlossenen Augen, das Grün draußen. Er sah die rote Säule. Er sah den Flügel, der nicht gespielt wurde. Er sah die letzte Minute, die ihm gehörte.
Und der Ring am Finger – dieser kleine Kreis, der vorgab, Schmuck zu sein – zeichnete die Wachheit auf, als wäre sie eine Krankheit.