Abschnitt 1

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Es gibt Räume, verehrte Leserin, verehrter Leser, die ihrem Namen voraus sind und ihn zugleich verraten: Man nennt sie „Musikzimmer“, und man erwartet, dass darin Töne wohnen, dass etwas schwingt, dass Luft, Holz, Saiten und Menschen sich zu einer Ordnung fügen, die höher ist als die bloße Zweckmäßigkeit. Und dann geschieht es, dass in einem solchen Musikzimmer – dessen Bühne einen Flügel trägt, als trüge sie ein Versprechen, dessen Fenster den Blick auf eine Landschaft öffnen, die so beruhigt, als sei sie von einer Hand eigens für das Nervensystem entworfen – nicht Musik erklingt, sondern Rede.

Es war ein Abend, der nicht mehr Winter war und noch nicht Sommer – ein Abend, an dem das Grün draußen, hinter den schweren Vorhängen, bereits jene heitere Unverschämtheit hatte, die in den Bergen immer wie eine Lüge wirkt: als sei die Welt leicht, als sei sie unverdorben. Der Rasen stand geschniegelt; die Bäume hielten ihre Zweige, als wären sie sich ihrer Erscheinung bewusst; und irgendwo, weit jenseits des Fensters, ging ein Mensch, klein wie ein Satzzeichen, auf einem Weg, der nicht in den Kalender eingetragen war.

Drinnen aber war die Ordnung des Hauses: Holzfußboden, der sich warm gab, obwohl er es nicht war; rote Säulen, die, mit ihren goldenen Sockeln und Kapitellen, wie überdimensionierte Kerzenstümpfe wirkten – als habe man dem Raum die Walpurgisnacht als Architektur in Erinnerung gehalten; Sessel und Stühle, die sich nicht zu Reihen fügten, sondern zu Inseln, zu Gesprächslandschaften, zu kleinen bürgerlichen Festungen. In der Mitte stand ein langer Tisch, auf dem man Wasserflaschen, Gläser, ein paar Kerzen und – das moderne Symbol jedes „Vortrags“, der nicht mehr Predigt sein will – zwei Mikrofone platziert hatte, klein, schwarz, so diskret, dass sie gerade dadurch ihre Macht verrieten.

Hans Castorp nahm Platz.

Er tat es mit jener halb zögerlichen, halb folgsamen Bewegung, die er im Berghof gelernt hatte – und die ihm, seit er hier war, wieder in den Körper zurückgekehrt war, als wäre sie ein Muskelgedächtnis. Der Körper, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist darin zuverlässig: Er verlernt vieles, aber er vergisst ungern seine alten Ordnungen. Hans trug den Ring am Finger, den Dr. Porsche ihm gegeben hatte – diesen glatten, metallischen Kreis, der so tat, als sei er Schmuck, und in Wahrheit nichts anderes war als ein Spion, ein kleiner, treuer, unbarmherziger Protokollant. Er spürte ihn nicht – und gerade deshalb war er da.

Neben Hans saßen andere.

Ein Paar, das sich an den Händen hielt, als müsse man sich in solchen Räumen, die so sehr nach Komfort rochen, gegenseitig beweisen, dass man „wirklich zusammen“ sei. Eine Frau, deren Gesicht etwas Gespanntes hatte, als lausche sie nicht nur auf Worte, sondern auf mögliche Urteile. Ein Mann, der schon vor Beginn des Abends die Sitzposition wechselte, als sei Sitzen eine Art moralische Prüfung. Und ein weiterer Mann – man hatte ihn in einer Nacht, die nach Konfetti roch, einmal mit Perücke und Eselsmaske gesehen, in einem Moment, in dem die Welt sich selbst parodierte; jetzt saß er, geschniegelt, ohne Maske, ohne Perücke, und dennoch mit einem Blick, der verriet, dass er den Esel nicht los war, sondern ihn in sich trug wie eine Erinnerung, die man nicht mehr spielen möchte.

Er hieß Morgenstern.

Das war jedenfalls der Name, den man jetzt sagte. Und der Name passte: Er klang nach Neuheit, nach Anfang, nach dem Versuch, sich selbst umzubenennen, ohne dabei zu behaupten, die Vergangenheit habe nie existiert. Hans sah ihn von der Seite, nur kurz, und dachte, ohne es recht zu wollen, an jene merkwürdige Wahrheit, dass Menschen manchmal ihre Moral nicht ändern, sondern nur ihren Titel.

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