Abschnitt 11

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Von da an, verehrte Leserin, verehrter Leser, begann die Zeit sich zu ändern.

Nicht in der großen, dramatischen Weise, wie sie sich ändert, wenn man den Krieg sieht oder den Tod; sondern in jener leisen, repetitiven Weise, wie sie sich ändert, wenn man einen Rhythmus annimmt. Der Zauberberg hatte Zeit gedehnt durch Liegekur und Mahlzeiten; die Sonnenalp dehnte sie durch Zyklen: Deload, Deload, Deload, Refeed. Acht, zehn, zwölf. Fünf, vier, drei, zwei, eins.

Hans Castorp stand morgens auf, und er tat, was Dr. Porsche ihm als Langlebigkeitszeremonie gegeben hatte: das dunkelgelbe Pulver abwiegen, mit Wasser vermischen, gurgeln, schlucken; Bittertropfen mit Zitrone; tiefroten Hibiskus‑Weißtee; grasgrünes Pulver hinein; Tabletten wie Hostien. Er tat es nicht, weil es ihm schmeckte; er tat es, weil es eine Ordnung war, die er morgens brauchte, um nicht in der Gedankenautobahn zu verschwinden.

Dann ging er – an PUSH‑Tagen, LEGS‑Tagen, PULL‑Tagen – in den GYMcube.

Die Würfel standen, wie kleine, freistehende Zellen, irgendwo im Hotelbereich; sie waren die moderne Variante der Liegezelle: Privatheit als Produkt, Arbeit als Ritual. Hans zog sich um, in Raum eins oder zwei, je nachdem, welcher frei war; er betrat den weißen Trainingsraum, sah das Rack, die Langhantel, die Scheiben – und spürte jedes Mal, wie sein Körper zwischen Angst und Gehorsam pendelte.

Zieser war nicht immer da; manchmal war er da. Manchmal war es ein menschlicher Trainer, manchmal eine Kamera, manchmal eine Stimme aus einem Bildschirm, die freundlich sagte, was der Körper zu tun hatte. Und Hans Castorp, der Deserteur, dachte manchmal, dass es eine besondere Form der Ironie ist, sich aus dem Krieg zurückzuziehen, um sich dann freiwillig von Apparaten befehligen zu lassen.

Aber er tat es.

Er drückte.

Er hockte.

Er zog.

Er schrieb.

„Satz gilt erst, wenn notiert“, hatte Zieser gesagt. Und so notierte Hans Castorp, mit einem Stift – endlich ein Stift, kein Holzstäbchen – Zahlen in ein Logbuch. Er schrieb: acht. Er schrieb: zehn. Er schrieb: zwölf. Und jedes Mal, wenn er schrieb, war es, als würde er sich selbst in die Ordnung einschreiben.

Nach dem Training kam das Essen. Kein Buffet, keine Wahl, keine Verführung – oder vielmehr: die Verführung bestand darin, dass man keine Wahl hatte. Es kamen Teller, die mediterran aussahen, ohne dass sie Kreta gewesen wären: Gemüse, das nicht tot gekocht war; Öl, das glänzte; Fisch, der nicht nach Fisch roch, sondern nach „Qualität“; Joghurt; Vollkorn; manchmal ein Stück dunkle Schokolade als Genussanker. Hans Castorp aß, und er merkte, wie das Essen, wenn es nicht mehr Genuss ist, zu einem Teil der Arbeit wird.

An den Deload‑Tagen war er – wie soll man es sagen – leicht hungrig. Nicht so, dass er litt; aber so, dass er merkte, wie sehr Hunger ein Gefühl ist, das man im bürgerlichen Leben gern verdrängt. Hunger ist die Erinnerung daran, dass man ein Körper ist.

Am Refeed‑Tag dagegen war alles wie erlaubt, aber kontrolliert. Er aß mehr, und er spürte eine kindliche Freude daran, dass das Programm ihm ein Fest gönnte. Es war, wie gesagt, Fasten und Fasching in Miniatur.

Und jeden Tag – das war der zweite, stille Befehl – ging er seine Schritte.

Zehntausend.

Man kann, verehrte Leserin, verehrter Leser, zehntausend Schritte auf vielerlei Weise gehen. Man kann sie gehen, indem man draußen über Wiesen geht. Man kann sie gehen, indem man durch Korridore geht. Man kann sie gehen, indem man, wenn es schneit, auf dem Teppich im Zimmer auf und ab geht wie ein gefangener Gedanke. Hans Castorp tat, was er konnte.

Im Winter ging er viel drinnen. Er ging an den roten Säulen vorbei, an der Rezeption vorbei, an Herrn Kautsonik vorbei, der manchmal dort stand wie ein Denkmal des Dienstes. Kautsonik sah ihn dann an, nickte, sagte trocken:

„Sie sind fleißig, Herr Castorp.“

Fleiß: das bürgerliche Wort, das im Wellness‑Resort plötzlich wieder wie eine Tugend klingt.

Im Frühjahr ging Hans Castorp draußen. Der Schnee zog sich zurück, der Park wurde wirklicher, die Bäume wurden heller, und die Wiese – diese Wiese, die Morgenstern einst als blau verspottet hatte – war grün. Er ging am Wasser entlang, an Becken und Teichen, die nicht Lagune waren und doch, in manchen Abendstunden, wenn das Licht flach wurde, etwas Lagunenhaftes bekamen. Und manchmal, wenn er ging, dachte er an Gustav von A. und an das Südenwort. Mediterran. Venedig. Wasser. Schönheit.

Im Frühsommer ging er weiter. Und nun war das Gehen nicht mehr nur Pflicht, sondern Gewohnheit. Der Körper hatte gelernt, dass Bewegung nicht Ausnahme ist, sondern Hintergrund. Hans Castorp merkte, dass Gewohnheit eine Form von Ruhe ist – und zugleich eine Form von Gefangenschaft.

Denn das Programm war nicht nur außen. Es war in ihm.

Er freute sich über Zahlen. Er freute sich über eine Diastole, die abends, bei der Kontrolle vor dem Zu‑Bett‑Gehen, nicht mehr knapp über achtzig war, sondern darunter. Er freute sich über eine Schlafauswertung, die freundlicher wurde. Er freute sich über eine Körperform, die sich veränderte, über einen Bauch, der flacher wurde, über einen Blick im Spiegel, der weniger müde wirkte.

Er erreichte seine Ziele.

So sagt man.

Und das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, der Punkt, an dem man misstrauisch werden sollte. Denn Ziele sind in solchen Systemen nie Enden. Sie sind Übergänge. Man erreicht sie, und sofort wird das Erreichen selbst zum neuen Soll.

Hans Castorp stand an einem frühen Junitag draußen, im Park, der nun wirklich ein Park war; die Luft war weich, die Sonne nicht mehr winterlich, sondern freundlich; das Gras war dicht und grün. Er ging, nicht weil er musste, sondern weil er es konnte. Er blieb kurz stehen, sah auf das Gras, und in ihm regte sich – merkwürdig genug – eine Art Dankbarkeit. Nicht pathetisch. Nur: still.

Dann sah er auf den Ring.

Der Fortschrittskreis war blau.

Er lächelte.

Das Lächeln war höflich.

Und ein wenig unerquicklich.

Denn das Gras war grün.

Auf dem Display war es blau.

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