Liebe Anna,
du und Babacar habt meinen kurzen Aufenthalt in Karthaus zu einer jener Reisen gemacht, deren Dauer in einem auffälligen Missverhältnis zu ihrer späteren Gegenwart in der Erinnerung steht. Der liebe Babacar aus Senegal mit seiner ebenso stolzen wie schönen Präsenz und du mit deiner aufmerksamen, eleganten und herzlichen Art habt wesentlich dazu beigetragen, dass mir die Goldene Rose nicht nur als Hotel, sondern als Ort menschlicher Begegnung in Erinnerung bleiben wird.
Du bist eine zauberhafte junge Frau: adrett, elegant, empathisch, geistesgegenwärtig und mit jener seltenen Fähigkeit ausgestattet, einem Autor, dessen Verhältnis zur eigenen Bedeutung nicht vollkommen frei von narzisstischen Beimischungen ist, das erhebende Gefühl zu vermitteln, bewundert zu werden. Ob es sich dabei tatsächlich um Bewunderung oder lediglich um vollendete Gastlichkeit gehandelt hat, möchte ich aus Gründen meines seelischen Haushalts lieber nicht abschließend untersuchen.
Entschuldigen muss ich mich allerdings für eine Unterlassung, die ausschließlich durch meine notwendige Abreise am sehr frühen Morgen verursacht wurde: Die Erforschung der köstlichen Eierspeisen eures Frühstücksangebots ist dadurch in einem wissenschaftlich unbefriedigenden Zustand geblieben. Ich gedenke, diese kulinarische Forschungslücke bei einem künftigen Wiedersehen mit Karthaus und der Goldenen Rose gewissenhaft zu schließen.
Ein Schiff, das fast nur noch aus Segeln besteht
Vom Frühstückstisch führt mich die Erinnerung beinahe zwangsläufig in den Teepavillon der Goldenen Rose. „Zwangsläufig“ ist dabei eines jener Wörter, mit denen ein Autor die nachträglich hergestellte Ordnung seiner Eindrücke als Schicksal auszugeben versucht. Tatsächlich bin ich natürlich einfach dort hineingegangen und vor einem Bild stehen geblieben. Doch manche Bilder besitzen die angenehme Unverschämtheit, sich später als Schlüssel zu einer ganzen Reise anzubieten.
Das Werk stammt von Alessandro Gatto. Er wurde 1957 in Castelfranco Veneto geboren und arbeitet als Maler, Grafiker und Illustrator. Besonders bekannt wurde er durch Bildwelten, die das Poetische mit dem Satirischen und das Vertraute mit einer leichten Verschiebung ins Rätselhafte verbinden.
Für Karthaus ist Gatto kein regionaler Künstler durch Herkunft, wohl aber durch Beziehung. Bereits für das Projekt „Silentium“ setzte er sich bildnerisch mit der Geschichte des ehemaligen Kartäuserklosters Allerengelberg auseinander. Im Umfeld des siebenhundertjährigen Bestehens von Karthaus begegnen seine Arbeiten den Besucherinnen und Besuchern im ganzen Dorf. Gatto hat diesen Ort also nicht nur illustriert. Er hat ihm eine gegenwärtige Bildsprache gegeben, in der Geschichte nicht museal erstarrt, sondern als Erinnerung, Rätsel und gelegentlich auch als feiner Widerspruch weiterlebt.
In der Goldenen Rose gehört Kunst ohnehin nicht zum dekorativen Nachtrag, den man anbringt, nachdem Zimmer, Speisekarte und Wellnessbereich ihre vernünftige Arbeit bereits erledigt haben. Bei Stefania und Paul Grüner scheint sie vielmehr Teil der Vorstellung davon zu sein, was Gastlichkeit leisten kann: nicht nur unterbringen, ernähren und umsorgen, sondern den Blick für etwas öffnen, das man bei der Ankunft noch gar nicht gesucht hat.
Das ist ein beträchtlicher Anspruch an ein Hotel. Es genügt dann nicht mehr, dass die Betten bequem und die Eierspeisen ausgezeichnet sind – wobei ich, wie erwähnt, gerade in dieser letzten Frage noch keine abschließende Versuchsreihe vorlegen kann.
Im Teepavillon hängt jenes große Bild, das der Familie Grüner nach der mir vor Ort erzählten Geschichte persönlich zugeeignet wurde. Einen belastbaren Werktitel oder eine öffentlich dokumentierte Erläuterung Gattos habe ich nicht gefunden. Das ist kein Mangel. Bilder, die ihre Gebrauchsanweisung gleich mitliefern, benehmen sich zuweilen wie Gastgeber, die dem Gast nicht nur den Platz, sondern vorsorglich auch schon seine Meinung zuweisen.
Was ich sah, war ein Schiff, das kaum noch aus etwas anderem als aus Segeln zu bestehen schien. Einen tragenden Rumpf vermochte mein Blick jedenfalls nicht recht festzumachen. Segel erhoben sich über Segeln: eine schwimmende oder vielleicht bereits schwebende Architektur, deren Masse sich in Bewegung aufgelöst hatte. Das Gefährt schien nicht auf dem Meer zu liegen, sondern über ihm zu gleiten – als hätte es die materielle Schwere eines Schiffes abgestreift und nur das bewahrt, was den Wind aufnimmt.
Meine erste Assoziation war der Fliegende Holländer. Das ist ausdrücklich meine Assoziation, nicht Gattos nachgewiesene Absicht. Der Unterschied ist wichtig: Ein Betrachter darf einem Bild begegnen, sollte seine eigene Begegnung aber nicht nachträglich dem Künstler als Geständnis unterschieben.
Der Fliegende Holländer ist das Schiff der verwehrten Ankunft: zur Fahrt verdammt, ohne erreichbaren Hafen, Erlösung nur als Ausnahme. Auch Gattos Segelgebilde schien mir für einen Augenblick von jener unheimlichen Ortlosigkeit umgeben, die entsteht, wenn Bewegung nicht mehr Weg zu einem Ziel, sondern dauerhafter Zustand geworden ist.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto stärker verwandelte sich diese erste, etwas opernhafte Deutung in ihr Gegenteil. Das Bild steht im Zusammenhang mit dem Thema „Vertrauen“. Und Vertrauen ist schließlich nicht die beruhigende Gewissheit, dass der Hafen bereits vertraglich zugesichert wurde. Es beginnt dort, wo die Fahrt aufgenommen werden muss, obwohl Wind, Wetter und Ausgang nicht vollständig kontrollierbar sind.
Ein Segel ist dafür ein beinahe übergenaues Sinnbild. Es erzeugt seine Kraft nicht selbst. Es kann den Wind weder bestellen noch festhalten. Es muss richtig gesetzt sein, beweglich bleiben und sich einer unsichtbaren Kraft öffnen, ohne ihr völlig ausgeliefert zu sein.
Dass ein solches Bild ausgerechnet bei der Familie Grüner seinen Platz gefunden hat und Paul Grüner selbst dem Segeln verbunden ist, steigert seine örtliche Resonanz auf eine beinahe verdächtig vollkommene Weise. Daraus folgt noch immer nichts Sicheres über Gattos Absicht. Es zeigt lediglich, dass Kunst an einem bestimmten Ort eine Bedeutungstiefe gewinnen kann, die weder ausschließlich im Werk noch allein im Betrachter liegt, sondern in der Beziehung zwischen beiden.
Das Schiff im Teepavillon fährt nicht wirklich. Und doch ist es dort nicht gestrandet.
Vom Vertrauen zur Endlichkeit
Vielleicht war es deshalb das richtige Bild für meinen Aufenthalt in Karthaus. Ich war an einen Ort gereist, dessen Geschichte von Rückzug und Dauer erzählt, und begegnete dort ausgerechnet einem Schiff des Aufbruchs. Ich wohnte in einem Dorf, das aus einer aufgehobenen Kartause hervorgegangen ist, und stand vor einem Gefährt, dessen sichtbare Sicherheit sich auf ein Minimum verflüchtigt hatte.
Die Kartäuser suchten Beständigkeit, Gattos Segel suchen den Wind – und beides setzt auf verschiedene Weise Vertrauen voraus: Vertrauen darauf, dass ein Leben nicht erst dann sinnvoll wird, wenn sein Ausgang garantiert ist.
Vom schwebenden Schiff führt deshalb ein überraschend kurzer Weg zum Kartäuserbrunnen. Dort lautet die Botschaft nicht „Vertraue“, sondern Memento mori: Erinnere dich daran, dass du sterben wirst.
Das klingt zunächst wie eine etwas unfreundliche Intervention in einen ansonsten erfreulichen Urlaubstag. Man hat gegessen, vielleicht einen Tee getrunken, die Berge in ihrer verlässlichen Unerschütterlichkeit betrachtet, und nun sitzt da ein bronzener Mönch und besteht darauf, die Endlichkeit des Betrachters zur Sprache zu bringen.
Die von Martin Rainer geschaffenen Figuren tragen tief herabgezogene Kapuzen. Sie wirken dadurch zunächst wie Männer, die sich nicht nur vor der Welt, sondern auch vor ihrer eigenen Erkennbarkeit zurückgezogen haben. Das entspricht durchaus der kartäusischen Idee der Absonderung, sollte aber nicht zur Behauptung eines geheimnisvollen Todeskultes übersteigert werden.
Die Kapuze gehörte zur wirklichen Ordenstracht. Der Bildhauer steigert ihre Wirkung, indem er die Gesichter beinahe verschwinden lässt. Aus einzelnen Personen werden Angehörige einer Gemeinschaft, deren Lebensform gerade nicht auf persönliche Sichtbarkeit zielte. Die Kapuze verbirgt kein Gespenst. Sie macht eine Existenzform sichtbar, die das eigene Gesicht nicht zur Marke erheben wollte.
Auch die oft mit den Kartäusern verbundene Vorstellung eines absoluten Schweigegelübdes ist zu einfach. Ihr Leben war von Stille, Einsamkeit und einer strengen Begrenzung des Sprechens geprägt, aber nicht von vollständiger Sprachlosigkeit. Vielleicht liegt gerade darin eine feine Wahrheit des Brunnens: Die Mönche schweigen nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Einer von ihnen hält vielmehr eine Schriftrolle in der Hand, auf der jener Satz umso lauter wirkt, je weniger Worte ihn umgeben.
Die Pointe des Memento mori lautet nicht, dass das Leben angesichts des Todes nichts wert sei. Sie lautet umgekehrt: Gerade weil Zeit begrenzt ist, kann nicht alles gleich wichtig sein.
Die Erinnerung an den Tod wird damit zu einer Anleitung des Unterscheidens. Welche Ziele verdienen wirklichen Einsatz? Welche Kränkungen sollte man nicht bis in alle Ewigkeit – die einem dafür ohnehin nicht zur Verfügung steht – mit sich herumtragen? Welche Menschen darf man nicht auf einen vermeintlich bequemeren Zeitpunkt verschieben?
Der Tod steht in dieser Denkfigur nicht im Zentrum des Lebens. Er bildet dessen Rand, und eben dieser Rand gibt dem Ganzen Kontur.
Dass der Satz am Kartäuserbrunnen steht, bedeutet allerdings nicht, dass er als historisch nachgewiesenes Hausmotto über dem alten Klosterportal angebracht gewesen wäre. Der Brunnen ist eine moderne künstlerische Rückschau auf die Geschichte Allerengelbergs. Seine Figuren verbinden Gründung, Ordensleben und Aufhebung zu einer nachträglich geordneten Erzählung.
Ausführlicher habe ich diese Spannung in „Kloster Allerengelberg und Memento Mori: Warum der Kartäuserbrunnen vom Tod spricht, um das Leben zu ordnen“ betrachtet.
Auch das Wasser des Brunnens fügt der Bronze eine Bedeutung hinzu, die ich nicht als dokumentierte Absicht des Künstlers, wohl aber als mögliche Lesart verstehe: Die Figuren halten einen Augenblick fest, während das Wasser weiterfließt. Die Form bleibt, der Inhalt bewegt sich. Vielleicht lässt sich die Geschichte von Karthaus kaum knapper erzählen.
Was Joseph II. nicht messen konnte
Zu dieser Geschichte gehört unausweichlich Kaiser Joseph II., der das Kloster 1782 aufheben ließ. Er handelte dabei nicht aus bloßer Laune. Hinter seiner Politik stand eine ernsthafte und bis heute vertraute Frage: Welchen nachweisbaren Nutzen besitzt eine Institution für die Gesellschaft?
Klöster, die unterrichteten, Kranke pflegten oder unmittelbar Seelsorge betrieben, ließen sich in seinem System rechtfertigen. Eine Gemeinschaft von Männern hingegen, deren auffälligste öffentliche Tätigkeit darin bestand, sich der Öffentlichkeit zu entziehen, musste einem reformfreudigen Monarchen wie ein administratives Ärgernis erscheinen.
Josephs Fehler lag daher weniger in seiner Frage als in der Enge der zugelassenen Antworten. Er erkannte vor allem den Nutzen, den der Staat organisieren, benennen und möglichst zeitnah verbuchen konnte.
Die Kartäuser hatten dagegen über Jahrhunderte einen Nutzen hervorgebracht, der sich auf viele unscheinbare Tätigkeiten verteilte: auf die Bewirtschaftung von Höfen, Wäldern und Weinbergen, auf Beschäftigung und Versorgung, auf Infrastruktur, Archiv und Bibliothek, auf die Bewahrung von Urkunden und Handschriften sowie auf jene religiöse Funktion des stellvertretenden Gebets, die man heute nicht glauben muss, um ihre damalige gesellschaftliche Bedeutung zu verstehen.
Diese Leistung macht die Herrschaftsverhältnisse des Klosters nicht unschuldig. Grundbesitz, Abgaben und Privilegien belasteten abhängige Bauern; Konflikte waren keine bedauerlichen Betriebsunfälle einer vollkommen friedlichen Welt. Reformbedarf bestand.
Doch zwischen „reformbedürftig“ und „nutzlos“ liegt ein Unterschied, den Regierungen, Unternehmen und gelegentlich sogar Autoren erst bemerken, wenn sie etwas abgeschafft haben, dessen Wert sich vorher hartnäckig einer Tabelle entzog. Davon handelt ausführlicher mein Beitrag „Die von Kaiser Joseph II. übersehene Leistung der Kartäuser vom Allerengelberg“.
Karthaus liefert für diese Überlegung eine beinahe vollkommene räumliche Pointe. Das Kloster verschwand als Institution, aber seine Mauern blieben nicht als sauber abgesperrte historische Kulisse zurück. Das Dorf zog in sie ein. Häuser, Wege und Alltag besetzten den ehemaligen Klosterraum, ohne dessen Geschichte vollständig auszulöschen.
Allerengelberg starb also, wenn man so sagen darf, und führte anschließend ein bemerkenswert tätiges Nachleben. Wo einst Mönche ihre Zellen bezogen, wohnen heute Menschen. Wo die Welt auf Abstand gehalten werden sollte, werden Gäste empfangen.
Die Goldene Rose ist keine unmittelbare Fortsetzung des Kartäuserordens, und ihre Gastlichkeit sollte nicht nachträglich in eine allzu glatte historische Erbfolge gezwungen werden. Sie gehört aber zur lebendigen Gegenwart eines Ortes, an dem Vergangenheit nicht museal neben dem Alltag steht. Sie ist in Zimmer, Wege, Bilder, Gespräche und Erinnerungen eingegangen.
Vom Engelberg zum Allerengelberg
Vielleicht musste ich gerade deshalb von meinem eigenen Engelberg hierherkommen.
Ich stamme aus Leonberg und wohne dort oben am Engelberg, unmittelbar beim Engelbergturm. Das erzeugt ein gewisses kommunales Gipfelbewusstsein. Der Standort des Turms liegt auf 480,60 Metern – für württembergische Verhältnisse eine vollkommen respektable Höhe, die erst dann etwas von ihrer Selbstgewissheit verliert, wenn sie mit Karthaus bekannt gemacht wird.
Karthaus liegt auf rund 1.300 Metern; für die Goldene Rose werden 1.327 Meter angegeben. Diese Zahl bezeichnet selbstverständlich die Ortshöhe und nicht die Spitzen der ehemaligen Klostertürme. Selbst Ironie sollte nicht auf Kosten der Topografie betrieben werden.
Zwischen meinem Engelberg und Allerengelberg liegen damit ungefähr 846 Höhenmeter. Die Alpen, jene wortkargen Meisterinnen der Verhältnismäßigkeit, haben meinen heimischen Berg deshalb nicht verspottet. Sie stellten ihn lediglich neben sich.
Auch sprachlich erweist sich die Verwandtschaft als reizvoll unzuverlässig. Der Leonberger Engelberg hieß ursprünglich wohl Endelberg, weil er sich am Ende eines Höhenzuges befindet. Allerengelberg dagegen verweist tatsächlich auf das lateinische Mons omnium angelorum, den Berg aller Engel.
Ich reiste somit vom vermutlich nur missverständlich beflügelten Engelberg zum ausdrücklich beglaubigten Allerengelberg – vom Singular in die Mehrzahl, vom Ende zu den Engeln und zugleich erheblich bergauf. Eine biografische Folgerichtigkeit, die nur dadurch leicht beschädigt wird, dass die Wirklichkeit sich gerade bei vollkommen erscheinender Symbolik gern das letzte Wort in Form einer etymologischen Fußnote vorbehält.
So verbindet sich die heitere Namenslaune mit dem ernsteren Gedanken des Brunnens. Höhen, Institutionen und Menschen sind stets nur innerhalb bestimmter Maßstäbe groß. Joseph II. hielt seinen staatlichen Maßstab für vollständig. Die Kartäuser hielten vermutlich ihren geistlichen Maßstab für den höheren. Das spätere Dorf bewies, dass Geschichte beide Ordnungen überdauern und in etwas Drittes verwandeln kann.
Und der Mönch unter der Kapuze erinnert uns daran, dass auch unser eigener Maßstab nicht ewig Bestand haben wird.
Das Vergängliche ist deshalb noch lange nicht bedeutungslos. Manchmal beginnt seine Bedeutung sogar erst dort, wo seine ursprüngliche Form endet.
Was von einem kurzen Aufenthalt bleibt
Vielleicht besteht die eigentliche Verbindung zwischen Gattos Segelschiff, dem Kartäuserbrunnen, dem aufgehobenen Kloster und der heutigen Goldenen Rose in einer gemeinsamen Absage an die vollständige Kontrollierbarkeit.
Das Schiff fährt los, ohne dass sein Hafen sichtbar wäre. Das Memento mori nimmt uns die Illusion unbegrenzter Zeit. Die Geschichte Allerengelbergs zeigt, dass eine Institution anders fortwirken kann, als ihre Gründer es geplant hatten. Und Gastfreundschaft besitzt ihre stärkste Wirkung häufig in Augenblicken, die sich weder organisieren noch in der Zimmerrechnung ausweisen lassen.
Damit wären wir wieder bei dir und Babacar.
Ihr habt meinen Aufenthalt nicht deshalb unvergesslich gemacht, weil ihr euch vorgenommen hättet, Bestandteil eines späteren Essays zu werden. Vermutlich stellt ein Gast, der beim Frühstück innerlich bereits Absätze bildet, ohnehin eine jener beruflichen Gefahren dar, auf die Hotelfachschulen nur unzureichend vorbereiten.
Ihr habt ihn unvergesslich gemacht, weil menschliche Aufmerksamkeit einen Ort aus seiner bloßen Geografie heraushebt. Ein Hotel kann ausgezeichnet eingerichtet sein, ein Dorf kann über eine große Geschichte und ein Teepavillon über bemerkenswerte Kunst verfügen. Erinnerungen entstehen aber erst dort, wo all dies durch konkrete Menschen eine Gegenwart erhält.
Meine frühe Abreise war deshalb kein wirklicher Abschluss. Sie war eher eine jener Unterbrechungen, die bereits die Behauptung einer Fortsetzung enthalten. Das unerforschte Frühstücksangebot liefert dafür einen erfreulich handfesten Anlass. Gattos Segelschiff steuert den anspruchsvolleren bei.
Ein Wunsch statt einer Definition
Liebe Anna, weil dieser Brief an dich gerichtet ist, möchte ich ihn nicht damit beenden, deine Zukunft für dich zu entwerfen. Das wäre nach allem Gesagten beinahe komisch: Ein Autor würde dir Selbstbestimmung empfehlen und im nächsten Satz festlegen, wie sie auszusehen habe.
Ich weiß nicht, welche Ziele du verfolgst, welche Möglichkeiten vor dir liegen oder welchen Kurs du eines Tages ändern wirst. Eine kurze Begegnung berechtigt zu einem herzlichen Eindruck, aber nicht zu einer vollständigen Deutung eines Menschen.
Ich wünsche dir deshalb, dass du dein eigenes Zielbild findest – eines, das fest genug ist, dir Richtung zu geben, und beweglich genug, um mit dir zu wachsen. Ein Zielbild, das nicht aus den Erwartungen von Gästen, Arbeitgebern, Freunden oder irgendeiner abstrakten Öffentlichkeit zusammengesetzt ist, sondern aus dem, was du selbst als ein gelungenes und erfülltes Leben erkennst.
Wenn du diesen Gedanken weiterverfolgen möchtest, lege ich dir meinen Artikel „Definiere dich selbst“: Warum Freiheit in jeder Generation neu gewonnen werden muss ans Herz. Wir sind durch andere Menschen geprägt, aber nicht endgültig festgelegt. Deshalb wünsche ich dir, dass du deine eigenen Ziele erkennst, Erfahrungen und Fehler als Rückmeldungen nutzen kannst und ein erfülltes Leben führst, das wirklich deines ist. Und sollte dieses Leben eines Tages auch Menschen Orientierung geben, die erst nach uns kommen, dann hoffentlich nicht, weil du versucht hast, ein Vorbild zu werden, sondern weil du deine Freiheit so glaubwürdig gelebt hast, dass sie auch die Freiheit anderer größer machte.