Was die Kapuzen der Mönche bedeuten – und warum die Erinnerung an das Sterben keine Verachtung des Lebens ist
Auf dem Brunnen im ehemaligen Klosterhof von Allerengelberg stehen kapuzenbedeckte Kartäuser aus Bronze. Einer von ihnen hält eine Schriftfläche mit den Worten „Memento Mori“: Bedenke, dass du sterben musst. Das wirkt zunächst wie die düstere Zuspitzung eines Ordens, den man ohnehin mit Abgeschiedenheit, Schweigen und Weltentsagung verbindet. Doch diese Lesart greift zu kurz. Für die Kartäuser war der Tod nicht das Gegenargument gegen das Leben, sondern der Einspruch gegen seine falsche Gewichtung. Gerade weil die Zeit des Einzelnen begrenzt ist, darf das Dringliche nicht ständig mit dem Wichtigen und das Vergängliche nicht mit dem Bedeutungslosen verwechselt werden.
Wer heute auf dem Hauptplatz von Karthaus im Schnalstal vor dem Brunnen steht, befindet sich nicht nur vor einem Kunstwerk. Der Platz selbst war einst der Hof der Kartause Allerengelberg. Um ihn herum lagen Klosterkirche, Bibliothek, Priorhaus, Pförtnerhaus und Wirtschaftsgebäude. Nach der Aufhebung des Klosters 1782 wurde aus der Anlage allmählich ein Dorf. Das historische Kloster ist deshalb nicht einfach verschwunden; es lebt in veränderter Form als Ortsstruktur weiter.
In dieser Umgebung fällt die bronzene Mönchsgruppe besonders auf. Die Figuren tragen lange Gewänder und spitz aufragende Kapuzen. Ihre Gesichter treten zurück oder bleiben ganz verborgen. Eine der Figuren hält eine rechteckige, wie ein entrolltes Schriftband wirkende Fläche. Darauf steht unübersehbar:
MEMENTO MORI
Üblicherweise wird die lateinische Wendung mit „Bedenke, dass du sterben musst“ oder „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“ übersetzt. Auch „Erinnere dich, dass du sterben wirst“ trifft ihren Sinn. Gemeint ist nicht nur die abstrakte Feststellung, dass Menschen irgendwann sterben. Die Form ist eine Aufforderung: Richte dein gegenwärtiges Leben im Bewusstsein seines Endes aus.
Gerade am Allerengelberg lässt sich diese Aufforderung überraschend vielschichtig lesen.
Der Brunnen ist keine mittelalterliche Quelle
Zunächst ist eine historische Unterscheidung wichtig. Der Brunnen stammt nicht aus der Zeit der Kartause. Seine Bronzefiguren wurden von dem aus dem Schnalstal stammenden Bildhauer Martin Rainer geschaffen. Es handelt sich um eine spätere künstlerische Rückschau auf die Geschichte des Ordens und des Ortes – nicht um eine erhaltene Selbstdarstellung der früheren Mönche.
Die Komposition spannt einen großen Bogen. Auf der einen Seite erscheint der heilige Bruno, der im 11. Jahrhundert mit sechs Gefährten nach Grenoble kommt und vom Bischof aufgenommen wird. Diese Szene verweist auf den Beginn der kartäusischen Lebensform. Auf der anderen Seite steht ein abweisender Kaiser, der die Aufhebung beziehungsweise Ausweisung der Mönche verkörpert. Ein Mönch blickt fassungslos zu ihm zurück. Die öffentlich zugängliche #Besichtigung">Beschreibung des Brunnens fasst ihn entsprechend als bildliche Verbindung von Ordensgründung und Aufhebung.
Damit verdichtet das Kunstwerk Jahrhunderte zu einer einzigen Szene: Aufnahme und Vertreibung, Anfang und Ende, Dauer und Abbruch. Die Inschrift „Memento Mori“ ist in einer Nahaufnahme des Brunnens deutlich erkennbar.
Nicht belegt ist dagegen, dass „Memento Mori“ ein besonderer historischer Wahlspruch der Kartause Allerengelberg gewesen wäre oder an dieser Stelle schon vor 1782 gestanden hätte. Die Aufschrift sollte daher als Aussage der modernen Brunnenkomposition gelesen werden. Sie bringt kartäusische Spiritualität treffend auf einen Begriff, ist aber kein Beweis dafür, dass gerade diese Formel im früheren Konvent eine außergewöhnliche Sonderstellung besaß.
Diese Einschränkung schwächt das Kunstwerk nicht. Im Gegenteil: Sie zeigt, was der Brunnen leistet. Er reproduziert nicht einfach eine historische Szene, sondern deutet die Geschichte des Ortes.
Warum tragen die Kartäuser Kapuzen?
Die Kapuzen der Figuren wirken so markant, dass man ihnen leicht eine geheime Symbolik zuschreibt. Doch zunächst sind sie etwas sehr Konkretes: Bestandteil des Kartäuserhabits.
Der traditionelle Habit ist weiß. Zu ihm gehört ein Skapulier – ein über Vorder- und Rückseite fallendes Gewandstück –, das bei den Kartäusern durch seitliche Stoffbänder verbunden ist und eine Kapuze trägt. Je nach Ausbildungs- und Professstufe unterscheiden sich einzelne Kleidungsstücke. Die offizielle Darstellung des Kartäuserordens beschreibt unter anderem Mantel, kurze und lange Kukulle sowie die charakteristischen Seitenbänder.
Die Kapuze ist deshalb nicht von sich aus ein Zeichen des Todes. Sie ist weder Leichentuch noch Totenmaske. Ebenso wenig bedeutet sie, dass ein Kartäuser sein Gesicht im Alltag ständig verbergen sollte. Die Ordensstatuten kennen konkrete Situationen, in denen die Kapuze auf- oder abgesetzt wird. Auch das verbreitete Bild eines absoluten Schweigegelübdes stimmt nicht: Kartäuser legen kein Gelübde vollständiger Sprachlosigkeit ab. Ihr Alltag ist so organisiert, dass weite Strecken in Stille und Einsamkeit verbracht werden; zugleich gibt es festgelegte Zeiten des Gesprächs, der gemeinsamen Liturgie, der Erholung und des wöchentlichen Spaziergangs. Der Orden selbst erläutert diese Differenz ausdrücklich in seiner Darstellung des kartäusischen Weges.
Rainers Brunnen bildet also keine Gruppe gesichtsloser Menschen ab, weil Kartäuser historisch immer so ausgesehen hätten. Der Künstler steigert eine reale Eigenheit des Habits zu einer starken Form. Die hochgezogenen, spitz zulaufenden Kapuzen nehmen den Gesichtern Individualität. Aus einzelnen Porträts wird eine Gemeinschaft von Mönchen.
Darin kann man Sammlung, Zurücknahme und den Verzicht auf öffentliche Selbstdarstellung erkennen. Aber diese Bedeutung entsteht in der Wirkung der Skulptur. Sie ist eine plausible Bildinterpretation, keine nachgewiesene geheime Botschaft des Ordens oder eine überlieferte Aussage Martin Rainers.
Gerade diese Zurückhaltung ist wichtig. Die Kapuze macht die Mönche im Brunnen nicht zu Symbolen des Todes. Sie lenkt den Blick vielmehr von der individuellen Persönlichkeit auf die Lebensform, für die sie stehen.
Memento Mori bedeutet nicht: Das Leben ist nichts wert
Aus moderner Perspektive klingt „Bedenke, dass du sterben musst“ leicht düster. Wer ohnehin in einer Zelle lebt, schweigt, fastet und auf viele Freiheiten verzichtet, scheint sich mit einer solchen Mahnung noch weiter vom Leben abzuwenden.
Doch darin liegt ein Missverständnis. Ein christliches Memento Mori sagt nicht: Das Leben ist bedeutungslos, weil es endet. Es sagt: Das Leben ist verantwortlich zu führen, gerade weil es endlich ist.
Der Tod steht im christlichen Verständnis zudem nicht allein. Er gehört in einen Horizont von Gericht, Auferstehung und Hoffnung. Der Kartäuserorden beschreibt das Ziel seiner Lebensform als kontemplative Vereinigung mit Gott. Einsamkeit, Schweigen, Askese und Gebet sind Mittel dieser Ausrichtung, keine Selbstzwecke. Die Mönche beten nach eigener Deutung stellvertretend für Lebende und Verstorbene; ihre Lebensform soll bereits auf die Auferstehung und die endgültige Erneuerung des Menschen verweisen.
Deshalb ist das kartäusische Todesgedenken weder Nihilismus noch Faszination am Untergang. Es relativiert nicht den Wert des Lebens, sondern bestimmte Ansprüche innerhalb des Lebens:
- Besitz kann nützlich sein, aber er kann nicht festgehalten werden.
- Rang kann Ordnung schaffen, aber er macht niemanden unsterblich.
- Leistung kann wertvoll sein, aber sie ist nicht mit dem Wert eines Menschen identisch.
- Dringlichkeit erzeugt Aufmerksamkeit, aber nicht automatisch Bedeutung.
- Sichtbarkeit kann Wirkung anzeigen, aber unsichtbare Arbeit kann länger fortbestehen.
Memento Mori ist damit eine Übung gegen Selbsttäuschung. Der Mensch soll nicht so leben, als stünde ihm unbegrenzt Zeit zur Verfügung, als könne er jede wesentliche Entscheidung vertagen oder als sei sein gegenwärtiger Status die endgültige Ordnung der Welt.
Die Mahnung führt deshalb nicht zwingend zu weniger Leben. Sie verlangt ein genauer ausgewähltes Leben.
Das kartäusische Memento Mori sagt nicht: Weil alles vergeht, ist nichts wichtig. Es sagt: Weil alles vergeht, muss genauer unterschieden werden, was wirklich wichtig ist.
Die Schrift spricht zu drei verschiedenen Adressaten
Die eigentliche Stärke des Brunnens liegt darin, dass sich die Aufschrift nicht nur an den Mönch richtet, der sie trägt. Innerhalb der Gesamtkomposition erreicht sie mindestens drei Adressaten.
1. Der Mönch
Für den Kartäuser ist „Memento Mori“ zunächst eine persönliche Mahnung. Sein Leben ist begrenzt. Seine Zelle, seine Askese und sogar seine geistlichen Erfahrungen sind kein Besitz, aus dem sich Überlegenheit ableiten ließe. Auch der Rückzug aus der Welt kann zur Selbstinszenierung werden, wenn ein Mensch sich für reiner oder wichtiger hält als andere.
Das Todesgedenken relativiert deshalb nicht nur weltlichen Reichtum. Es relativiert ebenso den Stolz auf die eigene Entsagung. Der Mönch soll sich nicht selbst zum Mittelpunkt seiner Frömmigkeit machen.
2. Der Kaiser
In Rainers Komposition steht auf der anderen Seite die politische Macht. Der Kaiser kann die Kartause aufheben, ihre Gemeinschaft auseinanderreißen, ihr Vermögen einziehen und ihre Gebäude einer neuen Nutzung zuführen. Im Fall Allerengelbergs geschah dies 1782 im Rahmen der Reformen Josephs II.
Doch auch der Kaiser ist sterblich. Seine Verwaltungsbegriffe, seine Reformziele und sein Urteil darüber, was gesellschaftlich nützlich sei, sind nicht die letzte Instanz der Geschichte. Die Mahnung auf der Schriftfläche trifft daher – als Interpretation der Komposition – auch denjenigen, der die Mönche fortschickt.
Das bedeutet nicht, Joseph II. zum Bösewicht zu erklären. Seine Reformen verfolgten reale Ziele, darunter eine besser erreichbare Seelsorge. Aber „Memento Mori“ stellt seine Macht in denselben Horizont der Endlichkeit wie das Kloster. Weder die Institution noch der Staat kann sich mit Dauer verwechseln.
3. Der heutige Betrachter
Schließlich liest jeder Besucher die Worte selbst. Der Brunnen lässt niemanden in der sicheren Rolle eines bloßen Beobachters. Wer die Mönche für lebensfern hält oder die kaiserliche Aufhebung für selbstverständlich vernünftig, bleibt dennoch derselben Sterblichkeit unterworfen.
Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wie dachten Kartäuser im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit über den Tod? Sie lautet ebenso: Welche Prioritäten würden wir verändern, wenn unsere eigene Endlichkeit nicht nur theoretisch bekannt, sondern praktisch gegenwärtig wäre?
Allerengelberg ist selbst ein Memento Mori
Kaum ein Ort könnte die institutionelle Dimension der Mahnung besser zeigen als Allerengelberg. Die Kartause wurde 1326 gestiftet, ab 1329 am späteren Standort aufgebaut und 1332 eröffnet. Mehr als 450 Jahre lang prägte sie den Ort. 1782 wurde sie aufgehoben. Ihre Gebäude wurden umgenutzt, Teile der Anlage verschwanden, und aus dem Kloster entwickelte sich Karthaus. Nach dem Großbrand von 1924 blieben nur Teile des früheren Bestands erhalten. Einen knappen Überblick bieten die Tourismusgenossenschaft Schnalstal und die erhaltenen historischen Strukturen im Dorf.
Damit erinnert Allerengelberg nicht nur an die Sterblichkeit einzelner Menschen. Der Ort zeigt, dass auch Institutionen sterben können.
Ein Kloster, das für seine Bewohner den Rahmen der ganzen Welt bildete, kann durch einen Verwaltungsakt aufgehoben werden. Eine jahrhundertealte Ordnung kann innerhalb weniger Monate enden. Gebäude können ihre Funktion verlieren, Bibliotheken zerstreut und Zellen zu Wohnhäusern werden.
Aber institutioneller Tod bedeutet nicht vollständige Wirkungslosigkeit. Das Dorf lebt in den früheren Klosterstrukturen. Mauerreste, Kreuzgang, Priorhaus, Ortsname und Brunnen bewahren eine Geschichte, obwohl die Gemeinschaft verschwunden ist. Allerengelberg ist zugleich Beispiel der Vergänglichkeit und der Fortwirkung.
Auch das Wasser des Brunnens legt – ohne dass daraus eine belegte Künstlerabsicht gemacht werden sollte – eine solche Lesart nahe. Die Bronzefiguren halten einen historischen Augenblick fest; das Wasser bewegt sich weiter. Die Form bleibt, der Inhalt fließt. Der Ort ist nicht derselbe geblieben, aber er ist auch nicht voraussetzungslos neu geworden.
Der scheinbare Widerspruch zur gesellschaftlichen Leistung der Kartäuser
In der Auseinandersetzung mit Allerengelberg haben wir zuvor gefragt, welchen gesellschaftlichen Nutzen die Kartäuser hatten, obwohl ihr Orden weder Schule noch Krankenhaus betrieb und unmittelbare Seelsorge nicht seine Hauptaufgabe war. Dabei wurden langfristige Wirkungen sichtbar: institutionelle Kontinuität, Wirtschaftsorganisation, Beschäftigung, Beteiligung an Wasserinfrastruktur, Bewahrung von Handschriften und Archivalien sowie das für die damalige Gesellschaft bedeutsame Gebet für Lebende und Verstorbene.
Auf den ersten Blick könnte „Memento Mori“ dazu im Widerspruch stehen. Wer sein Denken auf Tod und Ewigkeit richtet, scheint sich gerade nicht um weltliche Dauerprojekte zu kümmern.
Tatsächlich kann beides aus derselben Zeitordnung hervorgehen. Wer weiß, dass er selbst nicht bleibt, kann sich leichter als vorübergehender Träger einer Aufgabe verstehen. Er bewahrt etwas, dessen späteren Nutzen er nicht mehr erleben wird. Er arbeitet in einer Institution, die vor ihm bestand und nach ihm fortbestehen soll. Persönliche Sichtbarkeit wird weniger wichtig als die Weitergabe.
Das ist keine einfache historische Kausalkette. Es lässt sich nicht beweisen, dass der Memento-Mori-Gedanke den Bau einer bestimmten Infrastruktur oder die Bewahrung einer bestimmten Handschrift verursacht hätte. Ebenso wenig machte Todesbewusstsein jede Entscheidung der Kartäuser weise.
Aber zwischen ihrer Spiritualität und ihrer Langzeitwirkung besteht eine erkennbare strukturelle Verwandtschaft: Beide relativieren den kurzfristigen Erfolg des Einzelnen. Die eine tut es theologisch, die andere institutionell.
Der einzelne Mönch sollte wissen, dass er sterben wird. Die Institution arbeitete deshalb mit einer Zeit, die weit über sein eigenes Leben hinausreichte.
Keine Romantisierung des Todes – und keine Idealisierung der Kartause
Eine differenzierte Deutung muss auch die Gefahren benennen. Die Erinnerung an den Tod kann Menschen klären; sie kann aber ebenso Angst, Lebensfeindlichkeit, religiösen Druck oder eine Geringschätzung des Körpers verstärken. Nicht jede historische Form der Askese war psychologisch gesund, und wir wissen nicht, wie jeder einzelne Kartäuser seine Berufung tatsächlich erlebte.
Auch ein ausgeprägtes Memento Mori verhindert keine ungerechten Herrschaftsverhältnisse. Allerengelberg war Grundherrin, bezog Abgaben, besaß Privilegien und geriet mit abhängigen Bauern in Konflikt. Die Ausrichtung auf die Ewigkeit machte das Kloster nicht automatisch gerecht im Diesseits.
Ebenso wäre es falsch, aus der Kapuze eine vollkommene Auslöschung des Ichs abzuleiten. Menschen bleiben auch in strengen Orden Individuen – mit Begabungen, Konflikten, Hoffnungen und Eigenheiten. Gemeinschaftliche Kleidung begrenzt öffentliche Selbstdarstellung; sie beseitigt nicht die Person.
Gerade diese Grenzen bewahren die Aussage des Brunnens vor Kitsch. Seine Botschaft lautet nicht, dass Sterblichkeit alle Probleme löst. Sie lautet, dass keine angemessene Ordnung des Lebens die Sterblichkeit verdrängen kann.
Fazit: Der Tod als Grenze – nicht als Mittelpunkt
Das „Memento Mori“ am Kartäuserbrunnen von Allerengelberg wirkt nur dann wie eine düstere Übersteigerung, wenn man die Erinnerung an den Tod mit einer Abwertung des Lebens verwechselt.
Die Kapuzen der Figuren gehören zunächst zum realen Habit der Kartäuser. In Rainers Formensprache lassen sie die einzelnen Gesichter zurücktreten und machen die Mönche zu Trägern einer gemeinsamen Lebensform. Die Inschrift wiederum ist keine nachgewiesene historische Devise der Kartause, sondern Teil einer späteren künstlerischen Deutung, die Gründung und Aufhebung, Aufnahme und Vertreibung miteinander verbindet.
In dieser Komposition wird Memento Mori zu einer dreifachen Mahnung: Der Mönch soll seine Entsagung nicht mit Unsterblichkeit verwechseln. Der Kaiser soll seine Macht nicht für das letzte Urteil der Geschichte halten. Der heutige Betrachter soll seine eigene Endlichkeit nicht hinter historischer Neugier verstecken.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe des Brunnens: Die Kartäuser erinnerten an den Tod nicht, weil das Leben bedeutungslos war, sondern damit das Vergängliche nicht mit dem Bedeutungslosen verwechselt wird.
Memento Mori macht den Tod nicht zum Mittelpunkt des Lebens. Es macht ihn zu jener Grenze, an der sichtbar wird, was im Leben wirklich Gewicht hat.
Historischer und sachlicher Kurzüberblick
- 1084: Bruno von Köln und sechs Gefährten begründen in der Chartreuse die kartäusische Lebensform.
- 1326: Stiftung der Kartause Allerengelberg im Schnalstal.
- 1329: Übersiedlung der Gemeinschaft auf die Waldterrasse des späteren Karthaus.
- 1332: Eröffnung der Kartause am neuen Standort.
- 1782: Aufhebung Allerengelbergs im Rahmen der josephinischen Reformen.
- nach 1782: Umnutzung und Besiedlung der Klostergebäude; aus der Anlage entwickelt sich das Dorf Karthaus.
- 1924: Ein Großbrand zerstört große Teile des Dorfes und der verbliebenen Klosterbausubstanz.
- heute: Der von Martin Rainer gestaltete Brunnen auf dem früheren Klosterhof erinnert künstlerisch an Gründung und Aufhebung des Ordensortes.
FAQ
Was bedeutet „Memento Mori“?
Die lateinische Wendung bedeutet sinngemäß: „Bedenke, dass du sterben musst“, „Erinnere dich, dass du sterben wirst“ oder „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“. Im christlichen Zusammenhang ist damit nicht die Wertlosigkeit des Lebens gemeint, sondern die Aufforderung, das endliche Leben verantwortlich und auf das Wesentliche ausgerichtet zu führen.
War „Memento Mori“ der Wahlspruch der Kartause Allerengelberg?
Dafür gibt es keinen belastbaren Nachweis. Die Worte stehen auf dem modernen Brunnen von Martin Rainer. Sie passen zur kartäusischen Spiritualität, sollten aber nicht als speziell überlieferter historischer Wahlspruch des Allerengelberger Konvents ausgegeben werden.
Ist „Memento Mori“ der Wahlspruch des Kartäuserordens?
Nein. Mit dem Orden wird vielmehr die lateinische Formel „Stat crux dum volvitur orbis“ verbunden: Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht. Das Memento Mori am Brunnen ist eine eigene künstlerische Setzung.
Warum tragen die Kartäuserfiguren Kapuzen?
Die Kapuze gehört zum traditionellen Kartäuserhabit. Die besonders hochgezogenen und gesichtslos wirkenden Kapuzen der Brunnenfiguren sind zugleich eine künstlerische Abstraktion. Sie können Sammlung, Zurücknahme und den Verzicht auf Selbstdarstellung vermitteln, sind aber kein historisch belegtes Todessymbol.
Haben Kartäuser ein Schweigegelübde?
Nein. Sie führen ein Leben weitgehenden Schweigens und großer Einsamkeit, legen aber kein Gelübde absoluter Sprachlosigkeit ab. Es gibt festgelegte Zeiten für gemeinsame Liturgie, Gespräche, Erholung und Spaziergänge.
Was stellt der Brunnen von Martin Rainer dar?
Die Bronzegruppen verbinden zwei Pole der Kartäusergeschichte: die Aufnahme Brunos und seiner sechs Gefährten durch den Bischof von Grenoble sowie die spätere Ausweisung beziehungsweise Aufhebung durch den Kaiser. Der Brunnen erzählt damit nicht nur eine Szene aus Allerengelberg, sondern verdichtet Anfang und Ende einer jahrhundertealten Ordensgeschichte.
Quellen und redaktionelle Einordnung
- Kartäuserorden: Der kartäusische Weg. https://chartreux.org/moines/de/der-kartaeuserweg/
- Kartäuserorden: Die Berufung. https://chartreux.org/moines/de/die-berufung/
- Kartäuserorden: Statuten, Buch 3 – Das monastische Leben. https://chartreux.org/moines/de/statuten/buch-3/
- Kartäuserorden: Statuten, Buch 5 – Profess und Weihe. https://chartreux.org/moines/de/statuten/buch-5/
- Kartäuserorden: Statuten, Buch 6 – Liturgie. https://chartreux.org/moines/de/statuten/buch-6/
- Kartäuserorden: Statuten, Buch 9 – Krankheit und Tod. https://chartreux.org/moines/de/statuten/buch-9/
- Tourismusgenossenschaft Schnalstal: Das Kloster Allerengelberg im Schnalstal. https://www.merano-suedtirol.it/de/schnalstal/natur-kultur/sehenswuerdigkeiten/das-kloster-allerengelberg.html
- Überblick zur Kartause und zum Brunnen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kartause_Allerengelberg
- Wikimedia Commons: Schnals Karthaus Brunnen Martin Rainer I. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schnals_Karthaus_Brunnen_Martin_Rainer_I.jpg
Transparenzhinweis: Der Beitrag unterscheidet zwischen historisch belegbaren Tatsachen und einer gegenwärtigen Interpretation des Kunstwerks. Belegt sind unter anderem Standort, Künstler, dargestellte Grundhandlung, Inschrift und die wesentlichen Merkmale des Kartäuserhabits. Die dreifache Adressierung des „Memento Mori“, die Wirkung der verdeckten Gesichter und die Deutung des fließenden Wassers sind ausdrücklich Lesarten der Brunnenkomposition; eine entsprechende schriftliche Erklärung Martin Rainers ist nicht bekannt.