Abschnitt 10

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„Ich bin Peter“, sagte er – und wer genau hinhörte, konnte spüren, dass er hier einen Namen gab, als sei er ein seltenes Gut. „Und ich bin jeden Tag glücklich – nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil ich meinen Alltag an einem Sinn ausrichte.“

Er machte eine Pause, und man hörte, wie die Stille ihn prüfte.

„Nicht an Laune“, sagte er. „Nicht an Motivation. Sondern an einem Sinn, der trägt – auch an Tagen, an denen ich keine Lust habe.“

Hans dachte: Lust ist Walpurgisnacht. Sinn ist Alltag. Und beide kämpfen.

„Mein Sinn“, sagte Dr. AuDHS, „so wie ich ihn heute formuliere, lautet: Ein langes, gesundes, fittes und glückliches Leben führen – und so viel Zeit wie möglich in Euphorie und Hyperfokus verbringen.“

Er sagte „Hyperfokus“ ohne Scham. Er sagte es wie ein Mensch, der sein eigenes Nervensystem nicht als Makel betrachtet, sondern als Material.

„Daraus ergeben sich meine Entscheidungen“, fuhr er fort. „Ich brauche körperliche Auslastung – Krafttraining. Ich liebe gutes Essen und Trinken – am besten so, dass es mir gut tut. Ich mag Information – Lesen, Dokus, manchmal auch Fernsehen. Ich liebe Struktur – Rituale, Routinen, tägliche Wege, auch durch meinen Hund.“

Hans dachte: Der Hund als Routine. Wie schön, wie banal, wie wahr.

„Ich liebe Sonne“, sagte Dr. AuDHS, und man merkte, wie das Wort im Raum aufging, weil hier oben Sonne ein Versprechen ist. „Und ich liebe Luxusurlaub, weil er mich wirklich entlastet.“

Ein leises, zustimmendes Murmeln ging durch den Raum, das sofort wieder verschwand, weil Zustimmung in öffentlichen Räumen etwas Peinliches hat.

„Ich liebe Gemeinschaft“, sagte Dr. AuDHS. „Familie, Ehe, Kinder, Menschen, die mir wichtig sind.“

Morgenstern sah kurz nach unten, als halte er in sich etwas fest.

„Und ja“, fuhr Dr. AuDHS fort, „ein solcher Lebensstil kostet Geld. Aber auch hier ist die entscheidende Unterscheidung: Ich will nicht maximal verdienen. Ich will ausreichend verdienen – und dabei möglichst viel erfüllte Lebenszeit behalten.“

Hans dachte: Der Mann, der im Luxusurlaub steht, sagt, er wolle nicht maximal verdienen. Das ist entweder Heuchelei – oder es ist die Wahrheit, die nur aus Luxus gesagt werden kann. Und vielleicht ist beides zugleich richtig.

„Das ist der Punkt“, sagte Dr. AuDHS, „an dem Karriereentscheidungen plötzlich Sinn ergeben. Nicht: Welcher Job bringt am meisten? Sondern: Welcher Weg gibt mir das beste Verhältnis aus Einkommen, Freiheit, Sinn und Lebenszeit?“

Hans spürte, wie in ihm eine alte Rechnung aufging: Desertion war eine Karriereentscheidung. Sie hatte ihm Einkommen, Freiheit, Sinn und Lebenszeit auf eine Weise verschoben, die man nicht offiziell berechnen darf.

„Für mich“, sagte Dr. AuDHS, „war das unternehmerische Tätigkeit, weil sie mir mehr Kontrolle über Zeit gibt – auch wenn sie ihren Preis hat. Für andere ist es ein Beruf, der zur Berufung wird. Beides kann richtig sein. Wichtig ist nur: Es muss zu Ihrem Sinn passen.“

Er sagte „Ihrem“ wieder formell; der Riss zwischen Nähe und Professionalität blieb sichtbar, und er war, merkwürdigerweise, sympathisch.

„Und damit“, sagte Dr. AuDHS, „komme ich zu dem, was ich bestforming nenne.“

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