Abschnitt 8

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Er lächelte kurz. Es war ein Lächeln, das nicht schmeichelte, sondern warnte.

„Kinder leben im Hier und Jetzt“, sagte er.

Ein paar Gäste lächelten. Man hörte in dem Lächeln etwas von Sehnsucht.

„Als Kind“, fuhr Dr. AuDHS fort, „musste ich keinen Sinn suchen. Der Sinn war da: Gegenwart. Spiel. Neugier. Freude. Beziehung. Wenn etwas langweilig war, habe ich es gelassen. Wenn etwas erfüllt hat, habe ich mich darin verloren.“

Hans dachte an seine eigene Kindheit – sie war, merkwürdig genug, nicht warm, nicht kalt; sie war korrekt, bourgeois, geschniegelt. Und er dachte, dass er sich vielleicht nie verloren hatte, sondern immer nur gefügt.

„Als Erwachsener“, sagte Dr. AuDHS, „kommt etwas hinzu: Pflicht. Verantwortung. Lohnarbeit. Organisation. Dinge, die nicht automatisch Spaß machen – die aber notwendig sind, weil sie unser Leben tragen.“

Das Wort „tragen“ war gut gewählt; es hatte etwas Körperliches.

„Und damit“, fuhr er fort, „beginnt Sinnfindung genau dort, wo ich wählen kann: in meiner freien Zeit. In meiner Gestaltung. In meinen Zielen.“

Er machte eine kleine Pause.

„Ein modernes Wort dafür ist Flow“, sagte er. „Ich nenne es heute so – und ich formuliere es bewusst einfach: Glück ist die Vereinigung von zwei Zuständen: Euphorie und Hyperfokus. Also: Freude und Vertiefung. Spaß und Konzentration.“

Hans fühlte, wie der Ring am Finger – wenn er hätte sprechen können – genickt hätte. Euphorie, Hyperfokus: Das waren Wörter, die nach AuDHS rochen, nach dem Kürzel, das mehr war als ein Name.

„Nur Euphorie ohne Fokus“, sagte Dr. AuDHS, „kann in Langeweile kippen. Weil ich zwar reize, aber nicht eintauche. Nur Fokus ohne Euphorie kann sich wie Zwang anfühlen. Weil ich zwar funktioniere, aber nicht lebe.“

Er sagte „nicht lebe“ so leise, dass es gerade dadurch hart war.

„Flow entsteht“, sagte er, „wenn beides zusammenkommt: Wenn etwas mich wirklich interessiert – und zugleich fordert. Wenn ich spüre: Das bin ich. Hier bin ich wach.“

Hans dachte an den Moment im GYMcube, als die Hantel schwer war und der Körper doch wollte; er dachte an das Zählen, an das Protokoll, an das Notieren. Wach, ja. Aber war es Leben? Oder war es Optimierung?

„Und daraus“, sagte Dr. AuDHS, „folgt eine praktische Aufgabe: Ich muss herausfinden, welche Tätigkeiten mich gleichzeitig freuen und fesseln. Und ich muss mein Leben so bauen, dass ich davon möglichst viel bekomme. Das ist keine Romantik. Das ist Lebensarchitektur.“

Lebensarchitektur – ein Wort, das im Musikzimmer wie ein Entwurf klang.

„Ein zentrales Wort in diesem Vortrag“, fuhr er fort, „ist Kurzweil.“

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