Abschnitt 7

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Er ließ die Worte fallen wie einen Stein in Wasser.

„Vor etwa zehntausend Jahren werden wir sesshaft“, sagte Dr. AuDHS. „Und vor etwa zweihundert Jahren industrialisieren wir. Das sind zwei Umbrüche, die unser Leben schneller verändert haben, als sich unser Körper und unser Geist anpassen konnten.“

Er machte eine Handbewegung, als kippe er eine Schale.

„Im Bild der Uhr: Es ist, als würde in der letzten Minute plötzlich die Gravitation wechseln – und wir sollen einfach so weiterlaufen.“

Man hörte ein leises Lachen. Es war nicht Spott; es war Erkennen.

„Was passiert?“ fragte Dr. AuDHS, und dann antwortete er sich selbst, als sei die Frage nur ein rhetorischer Türöffner.

„Wir bewegen uns weniger“, sagte er. „Nicht ein bisschen weniger. Strukturell weniger. Und wir sitzen mehr. Unser Alltag ist so gebaut, dass Bewegung optional wird – und Nicht-Bewegung Standard.“

Hans dachte an die Liegestühle. Liegen war im Berghof Therapie gewesen; hier oben war Liegen Luxus. Sitzen war überall. Und nun sagte einer: Sitzen ist Abweichung. Der Komfort wurde zum Fehler.

„Unsere Ernährung verändert sich“, sagte Dr. AuDHS. „Mehr leicht verfügbare Kalorien. Mehr verarbeitet. Mehr ständig. Mehr Zucker, mehr Weißmehl, mehr ‚immer möglich‘. Die Frage ist nicht mehr: Wie komme ich an Nahrung? Sondern: Wie verhindere ich, dass Nahrung mich dauerhaft überrollt?“

Hans sah innerlich die Buffets, die Altäre des Zuckers, die Schaumstücke; er sah den Popcornwagen; er sah die Eisbar. Und er dachte: Überrollen. Ja.

„Alkohol wird dauerhaft verfügbar“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Aus dem gelegentlichen Rausch wird Regelmäßigkeit. Und die wissenschaftliche Tendenz der letzten Jahre verschiebt sich deutlich: Je weniger Alkohol, desto besser – gerade, wenn es regelmäßig ist.“

Er sagte es ohne Moral, und gerade dadurch wirkte es moralisch.

„Geld wird zum dominanten Medium“, sagte er. „Geld macht Tausch abstrakt. Und damit wird es verführerisch, Geld mit Sinn zu verwechseln. Geld ist Mittel. Nicht Zweck. Und doch leben viele, als wäre mehr Geld automatisch mehr Leben.“

Hans dachte an seine Desertion, an das Luxusleben, an Hotels; er dachte, wie teuer Flucht ist.

„Massenproduktion macht Konsum billig“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Und damit wird Kaufen zur Standardantwort auf ein inneres Vakuum. Nicht, weil wir dumm sind – sondern weil es leicht ist. Sofort. Verfügbar. Ohne Risiko.“

Er machte eine kleine Pause.

„Industrie schafft neue Belastungen“, sagte er. „Feinstaub, Lärm, ständige Reize. Und gleichzeitig: Technik, die uns Bewegung abnimmt. Rolltreppen, Aufzüge, Autos, Lieferdienste. Es wird möglich, einen Alltag zu leben, in dem der Puls nie über hundert steigt.“

Hans sah, wie jemand im Raum unwillkürlich den eigenen Puls fühlte, wie man das tut, wenn man merkt, dass es ihn gibt.

„Und dann: Bildschirme“, sagte Dr. AuDHS. „Erst Fernsehen. Dann Internet. Dann Smartphone.“

Er hielt das Smartphone nicht hoch; er brauchte es nicht. Es war in allen Taschen.

„Das ist wichtig“, sagte er, „das Smartphone ist ein großartiges Werkzeug. Es kann Bildung, Beziehung, Arbeit, Kreativität ermöglichen. Aber es kann auch die effizienteste Maschine sein, um Zeit zu töten – ohne dass wir es merken. Nicht mit Gewalt. Sondern mit Bequemlichkeit.“

Hans dachte an „Kurzweil“. Zeit töten. Zeit kurz machen. Es waren zwei Seiten derselben Medaille, und beide rochen nach Moderne.

„Und jetzt sehen wir das Ergebnis“, sagte Dr. AuDHS. „Wir haben ein Umfeld geschaffen, das permanent Komfort, Kalorien, Reize und Ablenkung anbietet. Und wir haben ein Nervensystem, das für Knappheit, Bewegung, Gemeinschaft und Sinn gebaut wurde.“

Er machte eine Pause, als wolle er, dass man den Satz nicht nur hört, sondern spürt.

„Das ist das Kernproblem“, sagte er. „Nicht, dass wir zu wenig haben. Sondern, dass wir in der falschen Richtung zu viel haben. Zu viel Verfügbarkeit – ohne Bedeutung.“

Das Wort „Bedeutung“ hing im Raum wie ein leiser Akkord.

Hans sah wieder nach draußen. Dort war Bedeutung, dachte er, weil dort nichts verfügbar war, außer dem, was da ist: Licht, Grün, Wind. Drinnen war alles verfügbar: Wasser, Wein, Vorträge, Pläne, Ringe, Pulver. Und nun sagte einer: Bedeutung fehlt.

„Jetzt“, sagte Dr. AuDHS, „kommt eine Perspektive, die so einfach ist, dass man sie leicht unterschätzt.“

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