Und nun wurde seine Rede, ohne dass sie es merkte, kulturgeschichtlich; sie wurde fast – und das war hübsch – musikalisch, weil sie Motive aufnahm und variierte.
„Teilen, Planung, Gemeinschaft“, sagte er. „Aus Zeigen wird Teilen. Aus Teilen wird Sprache. Aus Sprache wird Geschichte. Aus Geschichte wird Gemeinschaft.“
Er machte eine kleine Handbewegung, als führe er die Worte aneinander wie Perlen.
„Am Lagerfeuer entsteht etwas, das bis heute Glück macht: Zugehörigkeit“, sagte er. „Wir sind nicht nur Individuen. Wir sind Gruppenwesen mit Nervensystem.“
Hans sah, wie manche Gäste unwillkürlich lächelten, als hätten sie kurz ein Lagerfeuer in sich gesehen, obwohl sie in Sesseln saßen.
„Ausdauer, Laufen, Bewegungskompetenz“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Der Mensch ist ein Beweger. Nicht zwingend ein Sportler, aber ein Wesen, das durch Bewegung funktioniert – körperlich wie psychisch. Bewegung ist nicht nur Fitness. Bewegung ist Stimmungsregulation.“
Hans dachte an Zieser, an das Rack, an die Langhantel, an die einfachen Sätze: „Muskelaufbau ist einfach, aber hart.“ Und er dachte, wie merkwürdig es ist, dass man „Stimmungsregulation“ im Muskel findet.
„Nutzung aller Sinne“, sagte Dr. AuDHS. „Spuren lesen, hören, riechen, tasten, sehen – und dadurch Sinnlichkeit erleben. Das ist nicht Nebensache. Sinnliche Erfahrung ist ein Teil erfüllten Lebens. Ein Leben ohne sinnliche Tiefe wird schnell… flach.“
Er sagte „flach“ und ließ es ein wenig fallen, als sei es selbst flach.
Hans dachte an Venedig, ohne zu wissen warum: an Wasser, an Geruch, an Schönheit, an eine sinnliche Tiefe, die zugleich Abgrund ist. Er dachte an den Mann – den anderen Gustav, den man aus Geschichten kennt –, der in einer Stadt aus Schönheit krank wird. Und er fragte sich, ob Schönheit immer Krankheit ist, wenn man sie zu sehr will.
„Kunst und Spezialisierung“, sagte Dr. AuDHS, „eine Gemeinschaft, die sich Künstler leisten kann, ist eine Gemeinschaft mit Überschuss – und mit Seele.“
Hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, hätte man, wenn man boshaft wäre, auf die Bühne zeigen können, auf den Flügel, auf das Musikzimmer selbst, das als Luxusraum existiert: als Zeichen von Überschuss. Dr. AuDHS zeigte nicht; aber der Raum zeigte.
„Spezialisierung wird später zum Beruf“, fuhr er fort, „aber ursprünglich ist es: Zeit für etwas haben, um darin wirklich gut zu werden. Und wirklich gut werden ist eine Quelle von Stolz, Identität und Sinn.“
Hans dachte an Tonio, an den Künstler, der zwischen den Welten steht, und er dachte: „wirklich gut werden“ ist auch eine Form der Einsamkeit.
„Kleidung und Ästhetik“, sagte Dr. AuDHS. „Vom Schutz zur Zierde. Und daraus entsteht unser Sinn für Schönheit – am Körper, in Landschaften, in Gestaltung.“
Morgenstern strich, ganz unbewusst, den Stoff seines Ärmels glatt; es war, als gehorche sein Körper dem Wort „Zierde“.
„Kochen“, sagte Dr. AuDHS, und seine Stimme bekam einen Hauch von Genuss, als schmecke er den Satz. „Ein zivilisatorischer Meilenstein. Kochen ist Gesundheit, Organisation – und Genusskultur. Es ist: aus Rohstoff wird Mahlzeit. Aus Mahlzeit wird Gemeinschaft.“
Hans dachte an die gelben Pulver, die grünen Pulver, die roten Tees, die Bittertropfen – und dachte, dass Kochen in dieser Welt zu Mischen geworden ist, zu Abwiegen, zu Ritual. Auch das ist Organisation.
„Sicherheit“, fuhr Dr. AuDHS fort, „Sicherheit ist kein Selbstzweck. Sicherheit senkt Stress. Und Stress ist einer der großen Gegenspieler von Gesundheit und Glück.“
Hans dachte an seine diastolische Zahl, an das „normal hoch“, an den Begriff, der so harmlos klingt und doch wie eine kleine Drohung ist.
„Handel und Kommunikation“, sagte Dr. AuDHS. „Austausch entsteht nur, wenn beide Seiten einen Nutzen sehen. Kommunikation ist der Schlüssel dazu – und bis heute ein Motor von Entwicklung.“
„Erotik und Partnerschaft“, fuhr er fort, und man merkte, wie der Raum für einen Augenblick eine andere Temperatur bekam, weil Erotik, selbst wenn man sie wissenschaftlich sagt, immer etwas Körperliches in den Raum legt. „Bindung, Nähe, Sexualität – nicht nur Fortpflanzung. Auch Stressreduktion, Stabilität, Lebensqualität.“
Hans sah, wie das Paar neben ihm die Hände ein wenig fester hielt.
„Fantasie und Kreativität“, sagte Dr. AuDHS. „Aus Geschichten werden Theater, Oper, Film. Kreativität ist nicht nur Talent. Für viele ist sie ein Grundbedürfnis: etwas erschaffen, etwas ausdrücken, etwas gestalten.“
Hier, dachte Hans, liegt Tonio. Hier liegt die Wunde: das Bedürfnis zu gestalten – und die Sehnsucht, einfach zu sein.
„Freizeit“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Freizeit entsteht – und damit die Möglichkeit, das Leben nicht nur zu überleben, sondern zu gestalten.“
Hans dachte: Hier oben, in dieser Sonnenalp, ist Freizeit institutionalisiert. Man bezahlt dafür. Man kauft sich die Möglichkeit, nicht zu überleben, sondern zu gestalten. Und man nennt es Programm.
„Soziale Kompetenz und Friedlichkeit“, sagte Dr. AuDHS. „Frieden minimiert Stress. Empathie und Politik – also kluge Interaktion – bleiben Schlüsselqualifikationen.“
Er machte eine kleine Pause, als wolle er, ohne es zu sagen, hinzufügen: und manche von uns, Morgenstern, lernen das gerade neu.
„Und ganz entscheidend“, sagte er, „Anpassungsfähigkeit. Unsere Art hat sich ausgebreitet, weil sie sich anpassen kann. Das ist nicht nur evolutionär. Das ist eine Lebenskompetenz.“
Hans spürte, wie das Wort „Anpassung“ in ihm eine alte Stelle berührte: Anpassung war das, was er im Krieg verweigert hatte. Oder war es das, was er getan hatte, als er sich entzog?
„Bis dreiundzwanzig Uhr neunundfünfzig“, sagte Dr. AuDHS, „lautet die Zusammenfassung also: Wir sind gebaut für ein Leben mit Bewegung, Gemeinschaft, Sinn, Herausforderung, Regeneration und bewusster Gestaltung.“
Er hob den Kopf, als sehe er die Uhr, und in seinem Blick lag etwas, das fast traurig war.
„Und dann“, sagte er, „kommt die letzte Minute.“