Er machte eine Pause, und in dieser Pause konnte man, wenn man wollte, den Flügel ansehen, der schweigend auf der Bühne stand, schwarz, glänzend, als wäre er ein Tier, das schläft. Man konnte auch nach draußen sehen, wo die Landschaft tat, als kenne sie keine Projekte.
„Seit etwa elf Uhr“, fuhr Dr. AuDHS fort, „wird das Bild noch spannender – weil das, was wir ‚menschlich‘ nennen, deutlicher sichtbar wird.“
Er sprach das Wort „menschlich“ mit einer Vorsicht, als sei es ein Begriff, den man zu leicht pathetisch missbraucht.
„Aufrechtes Gehen wird normal – und damit werden die Hände frei“, sagte er. „Das verändert Jagd, Nahrung, Werkzeug, Alltag. Freie Hände bedeuten: mehr Möglichkeiten. Mehr Gestaltung. Mehr Kultur.“
Hans sah seine Hände. Er sah, wie sie ruhig auf dem Tisch lagen, als gehörten sie nicht ihm, sondern einem Bild.
„Politik entsteht“, sagte Dr. AuDHS. „Und Politik meine ich hier nicht Parteien. Ich meine die Fähigkeit, bewusst für ein gutes Miteinander zu sorgen: durch sichtbar zuvorkommendes Verhalten, durch Bündnisse, durch soziale Klugheit. Das ist bis heute nützlich – und für viele Menschen sogar ein Lebensziel: im Guten mit Menschen zurechtkommen.“
Er blickte in den Raum, und sein Blick streifte, nur einen Hauch zu lange, Morgenstern, als wüsste er, dass dieser Mann gerade an einem solchen Lebensziel arbeitete, nicht aus Ideologie, sondern aus Not.
„Trauer wird bewusst“, sagte Dr. AuDHS. „Wir lernen, Verlust zu tragen. Rituale helfen, zu akzeptieren, loszulassen. Trauer ist eine enorme Stressform – und zugleich zutiefst menschlich. Auch heute ist die Fähigkeit, Trauer zuzulassen und irgendwann zu verwandeln, ein Schutzfaktor für die Seele.“
Hans dachte an den Krieg, an den Lärm, an das Feuerwerk, an das Zucken seines Körpers. Er dachte: Trauer ist vielleicht auch das, was man nicht fühlt, weil man es sich nicht leisten kann.
„Rausch taucht auf“, fuhr Dr. AuDHS fort, „gelegentlich. Als Ausnahme. Als Stressventil. Und das ist wichtig: Der gelegentliche Rausch ist etwas anderes als die Dauerverfügbarkeit, die später kommt. Aus ‚manchmal‘ kann ‚immer‘ werden – und dann kippt Nutzen in Schaden.“
Er sagte es so, als sei es selbstverständlich; und doch war in dem Satz eine Warnung, die sich nicht nach Moral, sondern nach Biologie anhörte.
„Zusammenarbeit und Hierarchie“, sagte er. „Wir schaffen Dinge gemeinsam, die allein unmöglich sind. Und wir organisieren uns. Gute Zusammenarbeit funktioniert am besten, wenn Zuständigkeit an Tauglichkeit gekoppelt ist – nicht an Ego.“
Hans dachte an Settembrini und Naphta, an Zuständigkeiten und Egos; aber er dachte es nur flüchtig, weil diese Namen in dieser Welt nicht mehr galten, oder nur noch als literarische Schatten.
„Und dann“, sagte Dr. AuDHS, „das Bewusstsein des Todes. Das Wissen: Ich bin endlich.“
Er ließ den Satz stehen. Es war der Moment, in dem das Musikzimmer, so warm es auch war, einen Hauch von Kälte bekam.
„Und genau daraus entsteht etwas Entscheidendes“, fuhr er fort, leiser: „Die Gegenwart wird wertvoll. Das Hier und Jetzt wird zum Zentrum.“
Hans spürte, wie in ihm etwas antwortete – nicht als Gedanke, sondern als Körper: ein kleines, schweres Ja.
„Der Mensch kann Zukunft planen, Vergangenheit erinnern“, sagte Dr. AuDHS, „aber er lebt nur in der Gegenwart. Und wer diese Gegenwart verliert, verliert einen Teil des Lebens.“
Draußen stand die Gegenwart in Grün; drinnen stand sie in Worten.
„Seit etwa zwanzig Uhr“, sagte Dr. AuDHS, „entstehen viele Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten – und die trotzdem tief in uns wirken.“