Prolog

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Verehrte Leserin, verehrter Leser,

ich muss, ehe wir beginnen, etwas gestehen, das man in Romanen gewöhnlich erst am Ende gesteht – wenn überhaupt: Ich schulde diesem Haus, das im Folgenden so oft genannt und so oft verfremdet wird, mehr als eine Kulisse.

Die Sonnenalp ist für mich nicht bloß ein Ort, an den man fährt, um sich zu erholen, und von dem man später erzählt, als hätte man ihn wie ein Souvenir gekauft; sie ist mir, im Laufe der Jahre, zu einer zweiten Heimat geworden – zu einem Zimmer im Inneren, das ich betrete, sobald ich durch ihre Türen gehe. Ich kenne dort die Wege nicht wie ein Gast, sondern wie jemand, der wiederkehrt. Ich kenne das Geräusch der Schritte auf dem Boden, die Art, wie das Licht am Nachmittag auf Holz fällt, und jene besondere Mischung aus Ankunft und Erlaubnis, die man nur an Orten spürt, die einem nicht gehören und einen doch aufnehmen.

Gerade deshalb, verehrte Leserin, verehrter Leser, habe ich mich nicht damit begnügt, sie in Ruhe zu lassen.

Denn in der Empfangshalle, dort, wo man den Mantel ablegt und zugleich ein wenig von seinem Leben, dort steht ein Spruch an der Wand. Er ist schlicht, er ist freundlich, er klingt wie eine kleine Moral, die man nicht merkt, solange man sie nicht braucht. Er lautet (säkularisiert und daher nur sinngemäß) – in der wirklichen Sonnenalp, in der Sonnenalp, die ich meine:

Freude dem, der kommt.

Friede dem, der verweilt.

Freude dem, der geht.

Es ist ein schöner Dreisatz, so schön, dass man ihn leicht überliest; und doch ist er, wenn man länger darüber nachdenkt, ein vollständiges Weltbild: Kommen darf Freude sein, Gehen darf Freude sein – und dazwischen, in dem Abschnitt, den der moderne Mensch am schlechtesten aushält, wird der Frieden angeboten, nicht als Leistung, nicht als Programm, sondern als Zustand: verweilen.

Nun werden Sie, wenn Sie meinen Roman lesen, bemerken – oder vielleicht auch erst später, wenn Ihnen ein Satz wieder einfällt, den Sie gar nicht gelesen haben –, dass ich diesen Dreisatz verstümmelt habe. In meinem Buch steht an der Wand nur:

Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.

Ich habe den Frieden ausgelassen. Ich habe ihn unterschlagen, wie man in einer Abrechnung eine Zahl unterschlägt, nicht aus Versehen, sondern weil man das Ergebnis braucht. Ich habe der Sonnenalp im Roman den mittleren Satz genommen – und damit, wenn man streng ist, ihr eigentliches Versprechen.

Warum tut man so etwas einem Ort an, den man liebt?

Weil Literatur, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht darin besteht, das Geliebte zu bestätigen, sondern darin, es zu prüfen. Weil ein Roman – wenn er mehr sein will als ein Andenken – die Dinge aus ihrer Güte herausziehen und in eine andere Beleuchtung stellen muss, damit sie etwas zeigen, das sie im Alltag nicht zeigen müssen. Und weil ich, wie Sie bald merken werden, unter einem Einfluss stand, der stärker ist als jede Hotelphilosophie: unter dem Einfluss Thomas Manns.

Der Zauberberg hat mir beigebracht, dass man eine Zuflucht nicht beschreiben kann, ohne sie zu verwandeln. Dass man einen Ort, der Ruhe schenkt, in der Literatur oft erst dann wirklich sichtbar macht, wenn man ihm Unruhe zumutet. Mann hat Davos nicht gelassen, wie es war. Er hat es in eine Schule der Zeit, der Krankheit, des Begehrens, der Weltanschauungen verwandelt – und damit etwas geschaffen, das größer ist als der Ort, den es benutzt.

Und so – und dies ist die Ironie, die ich mir nicht schönreden möchte, aber die mir, wenn ich ehrlich bin, sogar ein wenig gefällt – so ist es ausgerechnet der Frieden meiner wirklichen Sonnenalp gewesen, der mir die Unruhe gegeben hat, sie im Roman zu entfrieden. Ich habe mich in einem Haus beruhigt, dessen Wandspruch das Verweilen segnet, um ein Buch zu schreiben, das dieses Verweilen problematisch macht. Ich habe meine zweite Heimat ihres Friedens beraubt, um ein Werk zu schaffen, das ohne diesen Frieden nicht hätte entstehen können.

Sie mögen das unfair finden. Vielleicht ist es unfair. Aber es ist, fürchte ich, die Art von Unfairness, die Kunst immer begeht: Sie nimmt, was sie braucht, und sie gibt es verändert zurück.

Nehmen Sie also, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Sonnenalp, die Ihnen im Folgenden begegnet, nicht als Beschreibung, sondern als Spiegel. Sie trägt einen echten Namen, aber sie ist eine erfundene Welt. Ihre Figuren sind Masken, auch wenn sie freundlich grüßen. Und wo an der Wand nur von Freude die Rede ist, denken Sie, wenn Sie wollen, den fehlenden Satz mit – nicht als Korrektur, sondern als Gegenlicht:

Friede dem, der verweilt.

Denn irgendwo, außerhalb dieses Buches, gilt er. Und ohne ihn gäbe es dieses Buch nicht.

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