Als sie sich trennten – Morgenstern mit einem kurzen Händedruck, Dr. AuDHS mit einem knappen Nicken –, blieb Hans Castorp einen Moment stehen und sah ihnen nach.
Es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine merkwürdige Sache mit Freundschaften in solchen Häusern: Man trifft sich, weil man im gleichen Programm ist. Man spricht, weil man die gleiche Angst hat. Man geht auseinander, weil man wieder in seine eigene Optimierungszelle muss. Und doch sind diese Begegnungen manchmal das Einzige, was nicht optimiert wirkt.
Hans Castorp ging zurück in das Haus.
Er ging nicht sofort ins Zimmer. Er ging nicht ins Gym. Er ging nicht zum Essen. Er ging – und das ist vielleicht der erste kleine Akt von System zwei in seinem Leben seit langem – in die Bibliothek.
Denn dort, zwischen Büchern, ist der Blick nicht nur Blick. Er wird Sprache. Und Sprache, das wusste er jetzt, ist vielleicht die einzige Form von Training, die nicht sofort Zahlen gebiert.
Er setzte sich.
Er schlug ein Notizbuch auf – nicht das Logbuch, nicht die Kurve, sondern ein leeres Heft.
Und er schrieb, langsam, als müsse er dem Stift beibringen, dass er wieder mehr darf als Zahlen:
System 2.
Dann hielt er inne.
Er dachte an den Esel. An den Tiger. An den Löwen.
Er dachte an Morgenstern und seine Lilien.
Er dachte an seine eigene Desertion.
Und er dachte – ganz kurz, wie ein Schatten – an Gustav von A., der irgendwo in diesem Haus vielleicht gerade „Süden“ schrieb, weil Schreiben auch eine Form von Weggehen ist.
Hans Castorp legte den Stift hin.
Er sah aus dem Fenster.
Das Gras war grün.
Und er, der so lange geglaubt hatte, dass sein Talent das Nicken sei, merkte, dass es vielleicht etwas anderes war:
das Sehen.
Und das Entscheiden, wann man weggeht.