Abschnitt 7

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Sie gingen weiter, und der Weg führte an einem Zaun vorbei. Hinter dem Zaun standen Kühe, groß, träge, mit jenem ruhigen Blick, den nur Tiere haben, die sich keine Fragen stellen. Eine Kuh hob den Kopf, sah die drei an, kaute, als kaue sie die Welt. Und Hans Castorp dachte unwillkürlich: Der Löwe wäre neidisch auf diese Ruhe.

„Sehen Sie“, sagte Dr. AuDHS, und er zeigte auf die Kuh, als wäre sie ein Beispiel aus einem Vortrag. „System eins. Reiz – Reaktion. Kaue – lebe.“

Morgenstern lächelte.

„Und wir?“ fragte er.

„Wir“, sagte Dr. AuDHS, „haben das Pech, System zwei zu besitzen. Wir können über das Kauen nachdenken. Wir können das Kauen optimieren. Wir können uns fragen, ob wir genug kauen. Und dann kauen wir schlechter.“

Hans Castorp lachte leise, weil das so absurd war und darum so wahr.

Morgenstern blieb kurz stehen, sah auf das Gras, das um ihre Schuhe stand, und sagte, fast wie zu sich selbst:

„Es ist grün.“

„Es ist grün“, bestätigte Dr. AuDHS.

Hans Castorp spürte den Ring am Finger, als wäre er ein dritter Gesprächspartner, und er dachte an den Satz aus dem Musikzimmer: Draußen stand die Gegenwart in Grün; drinnen stand sie in Worten.

„Und trotzdem“, sagte Morgenstern, und jetzt war wieder Ernst, „gibt es Menschen, die sagen, es ist blau. Und sie glauben es. Und sie wollen, dass ich es auch glaube.“

Dr. AuDHS sah ihn an.

„Dann“, sagte er, „ist die Frage nicht: Welche Farbe hat das Gras?“

Morgenstern hob die Brauen.

„Sondern?“ fragte er.

Dr. AuDHS sagte, sehr ruhig:

„Sondern: Warum sind Sie in einer Wiese, in der man über die Farbe des Grases streitet?“

Es war ein Satz, verehrte Leserin, verehrter Leser, der so einfach ist, dass er brutal wirkt. Denn er verschiebt die Verantwortung. Er sagt: Geh weg. Und Gehen, auch das hatte Hans Castorp gelernt, ist manchmal schwerer als Kämpfen, weil Kämpfen wenigstens das Gefühl gibt, anwesend zu sein.

Sie gingen noch eine Weile, bis die Anlage wieder näher kam und das große Haus sich zeigte, in seiner selbstbewussten, bürgerlichen Massigkeit, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass man für Gesundheit ein Dorf baut.

Am Rand eines Weges stand eine kleine Tafel. Darauf stand, in freundlicher Schrift, etwas über Schritte. Schritte, Bewegung, Aktivität. Und Hans Castorp dachte: Selbst der Spaziergang ist hier nicht einfach Spaziergang. Er ist ein Modul.

Er sah auf seinen Ring.

Der Kreis war – natürlich – blau.

Er lächelte.

Das Lächeln war höflich.

Und ein wenig unerquicklich.

Denn das Gras war grün.

Und sein Leben, dachte er, ist vielleicht beides: Grün und Blau. Wirklichkeit und Display. System eins und System zwei. Esel und Tiger.

Und irgendwo dazwischen, ganz leise, ein Löwe, der müde ist.

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