Er ging weiter, und sie gingen wieder mit ihm, als hätte er einen Faden ausgelegt, an dem man folgen muss.
„Wir“, sagte Dr. AuDHS, „haben im Kopf zwei Systeme. Nicht anatomisch, nicht als zwei Organe, aber als zwei Betriebsarten. Das eine ist schnell. Automatisch. Es springt an wie Licht, wenn man den Schalter drückt. Es ist das System, das Sie schützt, wenn etwas knallt. Es ist das System, das Sie automatisch atmen lässt. Es ist auch das System, das Ihnen sofort sagt: der Mensch da drüben mag mich nicht.“
Hans Castorp dachte an den Krieg, an Geräusche, an Zusammenzucken. Ja. System.
„Und das andere?“ fragte Morgenstern.
„Das andere ist langsam“, sagte Dr. AuDHS. „Es ist das System, das nur kommt, wenn man es ruft. Es kostet Mühe. Es macht müde. Es ist, wenn Sie so wollen, der eigentliche Denker.“
Er blieb kurz stehen, sah sie an, und in seinem Blick lag nun etwas, das man als pädagogische Strenge bezeichnen könnte.
„Das schnelle System“, sagte er, „ist ein notorisch schlechter Statistiker.“
Hans Castorp musste unwillkürlich lächeln, weil der Satz so trocken war, so unerwartet komisch im Grün.
„Es kann addieren“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Es kann Summen vergleichen. Es kann sagen: mehr, weniger, Gefahr, sicher. Aber es kann kaum Durchschnitte bilden. Es kann nicht gut multiplizieren. Es kann nicht dividieren. Und von Wurzeln oder Logarithmen – verzeihen Sie – hat es überhaupt keine Ahnung. Es ist ein Affe in einem Anzug. Und das ist keine Beleidigung. Das ist eine Beschreibung.“
Morgenstern sah ihn an.
„Und was hat das mit dem Esel zu tun?“ fragte er.
Dr. AuDHS lächelte.
„Alles“, sagte er. „Der Esel ist System eins. Er denkt schnell. Er fühlt: ich werde angegriffen. Also muss ich gewinnen. Er braucht keine Wahrheit. Er braucht Sicherheit. Und Sicherheit bekommt er, indem er die Wirklichkeit umbenennt.“
Hans Castorp dachte an das Wort „normal hoch“. Auch eine Umbenennung. Eine Wirklichkeit, die dadurch weniger schlimm wirkt und zugleich schlimmer wird, weil sie Aufgaben gebiert.
„Der Tiger“, sagte Dr. AuDHS, „hat System zwei. Er kann langsam denken. Er kann sagen: Moment. Ich prüfe. Ich bleibe beim Grün. Aber er lässt sich provozieren. Er lässt System eins ans Steuer. Er wird heiß. Er will recht haben. Und plötzlich ist er nicht mehr Tiger, sondern…“
„…auch Esel“, sagte Hans Castorp.
„Genau“, sagte Dr. AuDHS. „Er wird ein Esel mit besseren Argumenten. Und das ist die tragische Komik vieler Debatten.“
Morgenstern schüttelte den Kopf, als sei er über sich selbst verärgert.
„Und der Löwe?“ fragte er.
„Der Löwe“, sagte Dr. AuDHS, „ist System zwei plus Macht. Er sieht: die Wahrheit ist grün. Aber er sieht auch: Es lohnt sich nicht, hier Wahrheit zu spielen. Also spielt er Ordnung. Er sagt dem Esel: Du darfst glauben. Und er sagt dem Tiger: Du wirst still. Nicht weil du falsch bist, sondern weil du störst.“
Sie gingen ein Stück schweigend, und das Schweigen war nicht leer. Es war das Schweigen, in dem man versucht, System zwei zu aktivieren und merkt, wie anstrengend das ist.
Hans Castorp spürte plötzlich – körperlich, nicht geistig – wie sehr dieses langsame Denken mit dem Training verwandt ist. Auch das Training war nicht schwer, weil es kompliziert war; es war schwer, weil es gegen den Wunsch ging, aufzuhören. Der Körper wollte nachgeben, der Geist wollte abkürzen. Und man musste, mit einer Art stiller Strenge, sagen: noch zwei.
„Das Problem“, sagte Dr. AuDHS schließlich, „ist: System zwei schalten wir nur ein, wenn wir glauben, dass es sich lohnt.“
„Und wann lohnt es sich?“ fragte Morgenstern.
Dr. AuDHS sah ihn an.
„Das ist die Frage“, sagte er. „Und hier kommt, ganz unromantisch, das Leben ins Spiel. Sie können nicht alles mit System zwei machen. Sie würden verrückt. Sie würden müde. Sie würden keine Freude mehr haben. Denn System eins ist auch Freude: sofort, impulsiv, sinnlich. Sie brauchen beides. Aber…“
Er machte eine kleine Pause, und diese Pause war wie ein Komma, das man ernst nehmen muss.
„…Sie müssen erkennen, wann Sie sich von einem Esel in einen Streit ziehen lassen, der Ihre Zeit frisst.“
Morgenstern atmete aus.
„Also: nicht diskutieren“, sagte er.
„Nicht mit Eseln“, korrigierte Dr. AuDHS. „Und nicht, wenn es nicht um etwas geht, das wirklich zählt. Und jetzt, Herr Morgenstern, kommen wir zu Ihren Blutegeln.“