Der Weg führte aus der Anlage heraus, vorbei an gepflegten Hecken, die aussahen, als seien sie von jemandem geschoren worden, der dabei an Moral dachte; vorbei an einem kleinen Wasserlauf, der so sauber war, dass man ihm nicht traute; hinaus in die Wiesen, wo das Gras tatsächlich wuchs und nicht „Rasen“ hieß.
Hier war es, verehrte Leserin, verehrter Leser, grün.
Das Grün war nicht das tiefe, schwere Grün des Waldes, nicht das künstliche Grün der Golfplätze, nicht das dekorative Grün der Zimmerpflanzen. Es war das junge, helle Grün der Wiesen, das nach Wachstum riecht und nach Vergänglichkeit zugleich, weil es weiß: es wird gemäht.
Hans Castorp sah es, und unwillkürlich – unwillkürlich! – dachte er an Morgensterns Satz aus jener Nacht: „Das blaue Gras.“ Damals hatte es geschneit, und alles war weiß gewesen, korrekt; das Blau war nur im Display gewesen. Heute war das Display wieder da, natürlich: sein Ring blinkte nicht, aber er spürte ihn wie eine Anwesenheit. Und das Grün draußen war so eindeutig, dass es fast wie ein Argument wirkte.
Sie gingen in einem Dreieck: Morgenstern vorne, als hätte er es eilig; Dr. AuDHS neben ihm, in jenem Abstand, der Nähe erlaubt, aber keine Vertraulichkeit erzwingt; Hans Castorp ein wenig dahinter, wie immer, als wäre er der Schüler, der nicht stören will.
„Ich habe eine Assoziation“, sagte Morgenstern schließlich, und man hörte, dass dieses Wort – Assoziation – nicht bloß ein Gedanke war, sondern eine Bitte.
Dr. AuDHS hob leicht die Brauen.
„Das ist Ihr Beruf“, sagte er.
„Mein Beruf?“ fragte Morgenstern.
„Sie assoziieren, um zu vermeiden, dass Sie handeln müssen“, sagte Dr. AuDHS mild. „Aber erzählen Sie.“
Morgenstern atmete aus, als habe er sich genau das nicht gewünscht, und begann:
„Kennst du diese Fabel? Mit dem Esel, dem Tiger und dem Löwen?“
Hans Castorp nickte zögernd. Er kannte sie nicht. Aber er nickte – das war ja sein Talent.
Dr. AuDHS sagte nichts. Er ließ Morgenstern erzählen, und das war, bei diesem Mann, schon eine Geste von Respekt.
Morgenstern erzählte die Geschichte, nicht wortgetreu, sondern so, wie Menschen Geschichten erzählen, wenn sie sie im Internet gelesen haben und sie jetzt als Wahrheit benutzen wollen: mit kleinen Auslassungen, mit Betonungen, mit einem moralischen Ziel.
„Der Esel sagt: das Gras ist blau“, sagte Morgenstern. „Der Tiger sagt: nein, es ist grün. Sie streiten. Sie gehen zum Löwen. Der Löwe sagt zum Esel: wenn du glaubst, es ist blau, dann ist es blau. Und dann lässt er den Tiger bestrafen – weil der Tiger überhaupt Zeit verschwendet hat, mit einem Esel zu diskutieren.“
Er hielt kurz inne, sah auf das Gras, als wolle er es als Beweismittel verwenden.
„Und ich“, sagte er, und jetzt war die Fabel nicht mehr Fabel, sondern Beichte, „ich kenne solche Esel. Und ich…“ Er zögerte. „Ich bin manchmal der Tiger. Ich diskutiere. Ich erkläre. Ich will, dass es stimmt. Und am Ende…“
„…sind Sie fünf Jahre still“, ergänzte Dr. AuDHS.
Morgenstern lachte kurz, aber es war kein fröhliches Lachen.
„Ja“, sagte er. „Und ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr der Esel sein, der behauptet, das Gras sei blau. Ich habe das…“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als streiche er über etwas Unsichtbares. „…in mir adressiert. Mit meinen Vorsätzen. Respekt. Mitgefühl. Verantwortung. Sicherheit. Partnerschaftlichkeit. Das ist…“ Er schluckte. „Das ist mein Versuch, kein Esel zu sein.“
Hans Castorp sah ihn an, und er empfand – und das ist wichtig – Sympathie. Sympathie, weil Morgenstern, bei aller Komik seiner Maskennacht, etwas Ernstes hatte: den Willen, nicht nur besser zu werden, sondern würdiger.
„Aber“, fuhr Morgenstern fort, und jetzt wurde seine Stimme härter, „es gibt Esel außen. Menschen, die…“ Er suchte nach einem Wort, das nicht beleidigt. „…die meine Gutmütigkeit benutzen. Die meine Zeit benutzen. Die mein Ja als selbstverständlich betrachten. Und wenn ich dann einmal Nein sage, dann…“ Er machte eine kleine Pause. „…dann bin ich plötzlich der Tiger, der stört. Der widerspricht. Der nervt.“
Dr. AuDHS nickte langsam.
„Also“, sagte er, „sind wir beim Löwen.“
„Ja“, sagte Morgenstern. „Und ich will wissen: Was macht man?“
Hans Castorp spürte, wie die Frage auch ihn betraf, obwohl sie nicht an ihn gerichtet war. Denn Hans Castorp lebte seit Jahren in einer Welt des Nicht-Sagens, des Nicht-Neins, des höflichen Ausweichens. Auch das ist eine Form von Tigersein: man weiß, dass etwas grün ist, und sagt es nicht, weil man sonst Aufmerksamkeit bekommt.
Dr. AuDHS blieb stehen.