Abschnitt 9

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Hans Castorp erzählte sich die Geschichte vom Chamäleon und von Peter, dem Jungen mit dem goldenen Kronen‑Pin, der von einem anderen Planeten sprach und von einer Königin namens Alice. Er erzählte sich den Berg, die Wand, den Bergsee, die Liegestühle. Und während er erzählte, geschah etwas Merkwürdiges: Die Geschichte begann, sich mit dem Vortrag zu vermischen.

Der Bergsee wurde größer, wurde flacher, wurde zu einer Lagune.

Die Liegestühle wurden zu Gondeln.

Der Flügel im Musikzimmer wurde schwarz glänzend, wurde lang, wurde – und das war so unerquicklich folgerichtig, dass man lachen möchte, wenn man nicht schliefe – zur Gondel selbst.

Die roten Säulen des Musikzimmers standen plötzlich nicht mehr im Parkett, sondern im Wasser, wie Pfähle, wie Markierungen, wie jene Säulen, von denen man in Reiseprospekten sagt, sie seien „ikonisch“. Der Raum war nicht mehr Raum, sondern Stadt. Und die Stadt roch nicht nach Holz und Teppich, sondern nach Wasser, das alt ist.

Hans Castorp wusste im Traum nicht, dass dies Venedig war; aber er fühlte es. Denn Venedig, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist weniger ein Ort als ein Zustand: Wasser, Schönheit, Verfall, und ein leises, süßliches Gefühl, dass man zu lange bleibt.

Auf einer der Gondeln saß ein Mann.

Er war geschniegelt, aber das Gniegeln hatte etwas Anstrengendes, als habe er es sich abgerungen. Sein Gesicht war blass, und um die Augen lag etwas wie Puder; nicht viel, aber genug, um zu verraten, dass er den Verfall nicht nur fürchtet, sondern bekämpft – mit Mitteln, die selbst schon verfallen. Er hielt ein Notizbuch in der Hand.

Gustav von A.

Er sah auf, und sein Blick war der Blick eines Menschen, der gewohnt ist, Schönheit zu sehen und dabei zu sterben.

„Empfehlungen“, sagte er, ohne dass Hans Castorp wusste, warum er es hörte, „sind die sanfteste Form des Befehls.“

Der Satz fiel ins Wasser und machte keine Wellen. So sind Sätze im Traum.

Neben Gustav von A. stand – und das war die zweite, leise Komik – Prof. Zieser, aber nicht als Zieser, sondern als eine Art Gondoliere der Optimierung. Er hatte kein Ruder, sondern eine Hantelstange, die er wie ein Ruder hielt. Er sagte nichts Neues; er sagte nur seine Sätze, als wären sie Ruderzüge:

„Measure what matters.“

„Keep it simple.“

„Right here, right now.“

Und die Gondel bewegte sich, nicht durch Wasser, sondern durch Wiederholung.

Am Ufer stand Tonio.

Tonio, dieser dunkle, empfindsame Mensch, der immer am Rand steht, weil er die Mitte liebt und doch nicht hineinpasst. Er trug keinen Mantel, sondern etwas, das eher wie ein Anzug aussah; er war geschniegelt, und doch war in seiner Haltung etwas Unbehaustes. Er sah auf die Gondeln, auf die optimierenden Menschen, auf die glänzenden Wasserflächen, und in seinem Blick lag jene Mischung aus Sehnsucht und Spott, die dem Künstler eigen ist, wenn er die Bürgerlichkeit betrachtet: Ich beneide euch, und ich verachte euch, und ich möchte euch küssen.

„Ihr seid gesund“, sagte Tonio, und das Wort „gesund“ klang wie ein Vorwurf. „Ihr seid im Programm.“

Hans Castorp wollte ihm antworten, aber er konnte nicht. Denn in Träumen ist man oft nur Blick, nicht Stimme.

Tonio trat näher, sah Hans an, und Hans spürte, dass Tonio ihn meinte, obwohl sie sich nie begegnet waren: den Empfindungsmenschen, der in Programme hineingezogen wird.

„Du glaubst“, sagte Tonio, „du musst schaffend sein, um gelten zu dürfen.“

Schaffen.

Hans Castorp dachte an Ziesers Logbuch. An die Sätze. An die Zahlen. An den Ring. An das Schreiben als Bleiben.

„Wer schreibt, der bleibt“, sagte Tonio – und hier war es, als hätte sich Ziesers Zitat in Tonios Mund verirrt, als sei es dort immer schon gewesen.

Am Himmel über der Lagune flitzten, weit unten, die Fahrzeuge der Gedankenautobahn, diese leuchtenden Buchstabenautos, die Dr. AuDHS in seine Geschichte gesetzt hatte. Sie fuhren, rastlos, in Linien, und Hans Castorp sah, wie jeder Wagen eine Zahl trug: 10.000, 2.500, 600, 1.000. Kalorien. Schritte. Defizit. Überschuss. Die Gedanken waren zu Buchhaltung geworden.

Und dann – als müsse das Karnevaleske, das in Hans Castorps Leben nie ganz verschwindet, sich auch im Traum melden – tauchte eine Gestalt auf, die eine Eselmaske trug.

Sie trat aus einem der Seitengänge der Lagunenstadt, schüttelte Wasser aus den Ohren der Maske und sagte mit einer Stimme, die zugleich erschöpft und entschlossen klang:

„Ich will nicht mehr der Esel sein.“

Es war Philipp Morgenstern.

Er riss an der Maske, als wolle er sie loswerden, aber sie saß fest; nicht, weil sie gebunden war, sondern weil Masken im Traum nicht aus Stoff bestehen, sondern aus Geschichte.

„Ich will nicht mehr behaupten“, sagte er, „das Gras wäre blau.“

Da sah Hans Castorp – und das war der eigentliche Stich – auf seine Hand.

Der Ring leuchtete.

Nicht grell, nicht wie ein Schmuck, sondern wie ein kleines, diskretes Auge. Auf dem Ring war ein Kreis, ein Fortschrittskreis, und dieser Kreis war blau.

Blau.

Das Gras am Ufer war grün. Das Wasser war grünlich. Der Himmel war grau‑gold. Aber der Kreis war blau.

Morgenstern sah es auch. Er lachte, und das Lachen war bitter und komisch zugleich.

„Siehst du?“ sagte er. „Man kann die Wahrheit wollen – und dann kommt ein Display.“

Und in diesem Moment, verehrte Leserin, verehrter Leser, war es, als nähme der Traum eine moralische Wendung, wie Träume es manchmal tun, weil der Geist, selbst im Schlaf, noch eine kleine Predigt hält.

Peter, der Junge mit dem Kronen‑Pin, trat aus dem Gras. Er sah nicht traurig aus. Er sah nur still aus.

Das Chamäleon saß auf seiner Schulter. Es war nicht mehr grün, nicht mehr gelb, nicht mehr braun; es wechselte, wie ein Bildschirm, zwischen Farben. Es war, wenn man so will, das Tier der Moderne: anpassungsfähig bis zur Auflösung.

Peter setzte sich auf einen Liegestuhl, der plötzlich wieder ein Liegestuhl war, am Bergsee, der plötzlich wieder ein Bergsee war, und die Lagune zog sich zurück, als wäre sie nur eine Folie gewesen.

„Hier ist es zu laut“, sagte Peter, und er zeigte nach unten: Dort fuhr die Gedankenautobahn, weit weg, aber sichtbar.

„Wir gehen höher“, sagte das Chamäleon – und seine Stimme war die Stimme Dr. AuDHS’, ohne dass Hans Castorp sich darüber wunderte. In Träumen wundert man sich nicht. Man erkennt.

Sie gingen.

Hans Castorp ging mit, und während er ging, spürte er – merkwürdig genug – seine Schritte. Als wären Schritte nicht nur Aktivität, sondern Weg. Nicht Zahl, sondern Bewegung.

Oben am See setzten sie sich.

Peter schlief ein.

Das Chamäleon blieb wach.

Und Hans Castorp, der Empfindungsmensch, empfand plötzlich etwas, das er lange nicht empfunden hatte: Ruhe.

Die Gedankenautobahn fuhr weit unten. Sie fuhr, und sie war egal.

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