Nach dem Vortrag blieb das Musikzimmer noch eine Weile gefüllt, wie ein Raum gefüllt bleibt, wenn etwas gesagt wurde, das sich in den Köpfen noch nicht gelegt hat. Einige Gäste standen auf, gingen zu den Fenstern, als müssten sie Luft holen; andere blieben sitzen und sahen auf ihre Gläser, als seien Gläser plötzlich moralisch. Der Flügel stand da, unbespielt, und es hatte etwas Rührendes, dass er, in all dieser Optimierung, immer noch nur ein Instrument war, kein Messgerät.
Hans Castorp stand ebenfalls auf. Er spürte, wie seine Beine, nach dem Sitzen, einen winzigen Protest anmeldeten – und wie sofort, ganz automatisch, der Satz in ihm aufstieg: Sitzen ist das neue Rauchen. Das ist die Macht solcher Formeln: Sie kolonisieren das Empfinden.
Er ging zum Ausgang, nicht hastig, sondern mit jener langsamen Höflichkeit, die er auch im Krieg nicht verloren hatte. Er ging, und dabei fiel sein Blick – wie könnte es anders sein – auf eine Gestalt, die er kannte, ohne sie recht zu kennen.
Philipp Morgenstern saß an einem der Tische, etwas seitlich, und neben ihm saß seine Frau. Er hatte den Kopf leicht gesenkt, als höre er noch immer zu, obwohl der Vortrag längst vorbei war. Seine Frau hielt ein Glas Wasser in der Hand; sie sah müde aus, aber nicht unglücklich. Es war, als hätte man hier oben gelernt, Müdigkeit zu tragen wie ein Accessoire.
Morgenstern sah Hans, stand auf – wieder diese Bewegung, die jetzt schon moralisch war – und kam zu ihm.
„Herr Castorp“, sagte er, und sein Tonfall war freundlich, aber vorsichtig, als fürchte er, mit einem falschen Tonfall eine ganze Dynamik auszulösen. Das war vielleicht die wichtigste Veränderung an ihm: Er hatte begonnen, Tonfälle ernst zu nehmen.
„War…“ – er suchte nach einem Wort, das nicht zu pathetisch klingt – „war interessant, oder?“
Hans Castorp lächelte, dieses höfliche, leicht distanzierte Lächeln, das ihm eigen war.
„Ja“, sagte er. „Interessant. Und unerquicklich.“
Morgenstern lachte kurz, aber nicht spöttisch; eher erleichtert, dass man auch hier oben noch ein wenig Ironie haben durfte.
„Ich versuche“, sagte er leise, und Hans merkte, dass er nicht über Ernährung sprach, sondern über alles, „die Dinge… richtig zu machen.“
Er warf einen Blick zu seiner Frau, und dieser Blick war – man muss es so sagen – respektvoll. Kein Besitz, kein Urteil, nur eine Art stilles Einverständnis: Ich sehe dich.
Hans Castorp dachte an die fünf Vorsätze, die Morgenstern ihm einst in der Wasserwelt vorgetragen hatte, als sei es ein Katechismus der Gegenwart: Respekt, Mitgefühl, Verantwortung, Sicherheit, Partnerschaftlichkeit. Und er dachte daran, wie leicht solche Vorsätze in Optimierung kippen können, wie leicht aus Fürsorge Kontrolle wird.
„Richtig“, sagte er langsam, „ist ein gefährliches Wort.“
Morgenstern nickte, als hätte er das erwartet.
„Ich weiß“, sagte er. „Aber…“ – er lächelte schief – „wenn du etwas wirklich willst, findest du einen Weg, sonst eine Ausrede.“
Es war eines von Ziesers Zitaten, und es klang, in Morgensterns Mund, plötzlich nicht mehr wie ein Fitness‑Sticker, sondern wie ein Selbstappell, der weh tut.
Hans Castorp sah ihn an, und für einen Moment empfand er Sympathie; Sympathie mit der Anstrengung, ein Mensch zu sein, ohne dabei ein Esel zu werden, der behauptet, das Gras sei blau.
„Sie heißen wirklich Morgenstern?“ fragte Hans, fast beiläufig.
Morgenstern verzog das Gesicht, als sei ihm diese Frage peinlich und wichtig zugleich.
„Ich…“ sagte er. „Ich habe beschlossen, dass ich morgens…“ – er brach ab, weil es zu kindlich klang – „dass ich morgens anders sein will. Nicht der vom Vorabend. Nicht der Esel. Verstehen Sie?“
Hans Castorp verstand sehr gut. Denn er selbst war auch ein Mensch, der morgens ein anderer sein wollte als abends, nur dass sein Anderssein nicht moralisch, sondern existenziell war: Alias statt Name, Unsichtbarkeit statt Erfassung.
„Ja“, sagte er. „Ich verstehe.“
Morgenstern sah ihn dankbar an, als wäre Verständnis hier oben eine seltene Ressource.
Dann kam seine Frau zu ihnen, stellte sich neben Morgenstern, und Morgenstern machte, ganz unauffällig, einen kleinen Schritt zur Seite, sodass sie nicht hinter ihm stand, sondern neben ihm. Das war Partnerschaftlichkeit als Mikro‑Geste. Und Hans Castorp, der Empfindungsmensch, registrierte es mit einem kleinen inneren Stich: Man kann sich ändern, nicht durch große Reden, sondern durch kleine Bewegungen.
„Gute Nacht“, sagte Morgenstern.
„Gute Nacht“, sagte Hans Castorp.
Er ging.