Abschnitt 6

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Da trat Dr. Wendelin Porsche auf die Bühne.

Er war anders als Zieser; das war sofort spürbar. Zieser war Linie, Porsche war Oberfläche. Zieser war knapper Befehl, Porsche war warmes Versprechen. Er lächelte, wie jemand lächelt, der zugleich tröstet und verkauft. Er trug kein Weiß, aber er trug jene Art von Eleganz, die im medizinischen Kontext wie Seriosität wirkt. Und in seinem Blick lag, wie immer, dieser kleine Riss: ein Fanatismus, der kurz aufblitzt, wenn er „optimieren“ sagt.

„Liebe Gäste“, begann er – und man merkte, dass er, anders als manche seines Schlages, die alte Formel „meine Herren“ nicht brauchte; vielleicht war er klüger, vielleicht war es nur die Zeit. „Sie haben heute Abend viel gehört. Und Sie haben vielleicht gedacht: schön, aber wie?“

Hans Castorp hörte das „wie“ und fühlte sich gemeint.

Porsche erklärte dann seine Agenda, wie man in der modernen Welt Agenden erklärt: als Service.

Er sagte, wer wolle, könne sich von ihm individuelle Ernährungspläne zusammenstellen lassen; diese würden dann an die Küche übergeben. Das Essen, das man hier oben servierte, würde nicht mehr nur nach Geschmack, sondern nach „Setting“ gekocht. Er sagte, man könne sogar Deload‑ und Refeed‑Tage abbilden, man könne Kohlenhydrate steuern, Protein setzen, Fett „mathematisch schließen“. Er sagte das, und man spürte, wie die Küche zur Abteilung wurde, wie in einem Betrieb.

Er sagte ferner, dass man auch Hypertrophie‑Trainingspläne individualisieren könne; dass man diese im GYMcube umsetzen könne, mit Personal Trainer oder mit Kamera‑Bildschirm‑KI‑Unterstützung. Das Wort „KI“ fiel in den Raum wie ein neuer Gott. Man nickte ehrfürchtig.

Und schließlich hob er, ganz beiläufig, die Hand, an der – man konnte es sehen – ebenfalls ein Ring saß.

„Für die Überwachung der Aktivität“, sagte er, „empfehle ich natürlich den Ring, den manche von Ihnen schon tragen. Er ist… zuverlässig. Und er ist diskret.“

Diskret, verehrte Leserin, verehrter Leser: Das ist ein Wort, das in der Moderne eine neue Ironie bekommen hat. Denn diskret ist heute nicht mehr das, was nicht sieht; diskret ist das, was sieht, ohne dass es auffällt.

Hans Castorp spürte den Ring an seinem Finger, als hätte er Gewicht bekommen. Er dachte an sein Alias, an seinen Wunsch, nicht sichtbar zu sein. Und er dachte zugleich – und das war die eigentliche Tragikomik – an sein Bedürfnis, gesehen zu werden: nicht von Menschen, sondern von Zahlen, die ihm sagen, dass er „besser“ wird.

Porsche beendete seinen kleinen Auftritt mit jener warmen, väterlichen Geste, die zugleich eine Einladung ist und eine Einweisung:

„Sprechen Sie mich einfach an“, sagte er. „Wir richten Ihnen das ein.“

Einrichten: Man richtet Möbel ein, Zimmer, Programme. Man richtet auch Menschen ein, wenn man es elegant sagt.

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