Abschnitt 5

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„Aktivität“, sagte er, „ist nicht Luxus. Sie ist Pflicht. First things first, second things never.“

Er ließ den Satz fallen wie eine Hantel. Und man spürte, dass er aus seiner Welt kam: aus einer Welt, in der man nicht diskutiert, ob man atmet.

Er sprach von Hypertrophie, von Muskelaufbau; er sprach davon, dass der Muskel am Widerstand wächst, und er sagte den Satz, der in seiner Einfachheit immer wieder wie eine Wahrheit klingt:

„Muskelaufbau ist einfach, aber hart.“

Das Wort „hart“ hatte etwas Beruhigendes. Denn was hart ist, ist wenigstens ehrlich.

Er sprach von den sechs Bewegungsmustern – ziehen, drücken, hocken, Hüfte strecken, Rumpf stabilisieren – und er erwähnte, ohne sich zu verlieren, die Ordnung, die er Hans bereits beigebracht hatte: acht, zehn, zwölf; Königssatz, Backoffs; Logbuch.

„Wer schreibt, der bleibt“, sagte er, und Hans Castorp spürte, wie dieser Satz in ihm einen alten Klang weckte. Schreiben – das war Identität. Schreiben – das war Beichte. Schreiben – das war Gefahr. Und nun war Schreiben plötzlich Training.

Zieser sah ins Publikum, und sein Blick – dieser Blick, verehrte Leserin, verehrter Leser, der zugleich taxieren und teilnehmen kann – blieb einen Moment auf Hans Castorp liegen. Es war kein unfreundlicher Blick. Aber er war präzise, wie eine Messung.

„Herr Castorp“, sagte er, und das Publikum drehte sich leicht, wie man sich dreht, wenn jemand namentlich genannt wird. Hans Castorp spürte eine winzige, kalte Stelle zwischen Schulterblättern: die Stelle, an der Sichtbarkeit weh tut.

„Sie sitzen da so, als hätten Sie Zeit.“

Hans wollte etwas sagen – dass Zeit hier oben anders ist, dass man sie hier verliert und gewinnt wie in einem Spiel –, aber Zieser ließ ihm keine Ausrede.

„Right here, right now“, sagte er. „Stehen Sie einmal auf.“

Hans Castorp stand auf. Nicht heroisch, sondern höflich. Er stand auf, weil man ihn gebeten hatte – und weil Empfehlungen, wie Gustav von A. einmal gesagt hatte, die sanfteste Form des Befehls sind.

Zieser nickte.

„So“, sagte er. „Und jetzt setzen Sie sich wieder hin. Und merken Sie sich, wie wenig das kostet. Das ist Aktivität. Nicht die zehn tausend als Zahl. Sondern das Gegenteil von Sitzen.“

Ein kurzer Stichsatz folgte, trocken und unmissverständlich:

„Sitzen ist das neue Rauchen.“

Man lachte ein wenig, weil man lachen musste, wenn eine Wahrheit wie ein Witz klingt.

Zieser sprach dann über die „zehn tausend Schritte“ – und auch hier zeigte sich seine Mischung aus Mythos und Korrektur. Er sagte, der Mensch sei kein Lauftier, sondern ein „Geh‑Trab‑Tier“; er sagte, es gehe weniger um die magische Zahl als um die Tatsache, dass man den Körper regelmäßig in Bewegung bringen müsse, damit er nicht in sich selbst versauert. Er sagte das Wort „versauert“ nicht; aber man hörte es.

Er beendete seinen Vortrag nicht mit Pathos, sondern mit einem jener Sätze, die wie ein Schlusspunkt wirken, weil sie so schlicht sind, dass man ihnen nichts hinzufügen kann:

„Es gibt keine Wunder“, sagte er. „Es gibt nur Training.“

Der Applaus war höflich, aber kräftig. In solchen Häusern klatscht man gern, weil Klatschen ein Gefühl von Teilnahme erzeugt, ohne dass man schon etwas getan haben muss.

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