Abschnitt 4

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Zieser sprach – und man merkte, dass er seine Folien in sich trug, auch wenn man keine Folien sah – von Studiennamen, die er mit einer Selbstverständlichkeit nannte, als spräche er von alten Bekannten: PREDIMED, Lyon Diet Heart Study. Er sagte „Hazard Ratio“, und man hörte das Schaudern derer, die nicht wussten, was es bedeutet, aber spürten, dass es wichtig klingen sollte. Er sagte, dies seien keine „Marketing‑Claims“, und man glaubte ihm gerade deshalb, weil man in solchen Häusern gewohnt ist, dass alles Marketing ist.

Dann, wie um den Süden in die Supermarktrealität zu ziehen, wurde er plötzlich sehr prosaisch.

Er sprach von Tiefkühlspinat, von Erbsen, von Passata statt frischer Tomaten. Er sagte, Rapsöl sei im westlichen Alltag eine gute ungesättigte Fettquelle – und das war ein Satz, verehrte Leserin, verehrter Leser, der so unerquicklich nüchtern war, dass er fast komisch wurde: Der Süden als Rapsöl. Doch die Gäste nickten ernst, weil sie den Ernst in der Nüchternheit suchen.

Er sprach von Haferflocken, von Vollkornpasta, von Joghurt, Eiern, Käse, sogar von Rind; er sagte, klassisch mediterran sei oft mehr Fisch und weniger rotes Fleisch, aber als Template‑Grundform sei das Muster klar. Er sagte „Template“, und man spürte, wie die Sprache des Programms die Sprache des Essens verschlang.

Hans Castorp dachte, dass Essen einmal ein Geheimnis gewesen war: man aß, und man wusste nicht genau, wohin es ging. Jetzt aber ging es in Tabellen, in Muster, in „calorie_day_goal“. Und er fragte sich, ob Geheimnis nicht ein Teil der Freiheit ist.

Zieser ließ den Gedanken nicht zu. Er kam, nach dieser Muster‑Grundlegung, zu jener Stelle, an der Optimierung immer ins Dramatische kippt: zur Steuerung.

„Reduzierte Kohlenhydrate“, sagte er, „sind ein sehr effektives Werkzeug für Fettabbau.“

Er sagte „Werkzeug“, nicht „Verbot“. Das war klug. Denn Werkzeuge sind moralisch neutral; sie sind nur dazu da, benutzt zu werden. Und wer ein Werkzeug benutzt, ist nicht asketisch, sondern kompetent.

Er sprach von Defizit, von Erhalt, von Überschuss; er sprach davon, dass der Körper, wenn man ihm zu lange zu wenig gibt, nicht nur Fett, sondern auch Stimmung verliert. Und dann sagte er das Wort, das in solchen Kreisen wie ein geheimer Rhythmus klingt:

„Deload.“

Man kennt Deload im Training als Entlastung; Zieser übertrug es auf die Ernährung. Drei Tage, sagte er, in einem moderaten Defizit – „nicht Hunger“, betonte er, „sondern Setting“ – und dann ein Tag „Refeed“, ein Tag mit Überschuss, um Leistung, Hormone, Psyche zu „resetten“. Er sagte „resetten“, und es klang, als könne man den Menschen wie ein Gerät neu starten.

Die Gäste lächelten. Ein Refeed‑Tag ist, in der Askese, der erlaubte Rausch.

Hans Castorp hörte „drei Tage Defizit, ein Tag Überschuss“ und dachte unwillkürlich an Fasching und Fasten. An Karneval und Moral. An Walpurgisnacht und Morgenmoral. Es war, als hätte man das alte Spiel von Ordnung und Inversion in eine Vier‑Tage‑Schleife gegossen. Man bricht die Regel, um sie zu bestätigen.

„Intervallfasten“, fuhr Zieser fort, „kann helfen, das Muster zu vereinfachen.“

Er sprach von Autophagie, dieser biologischen Selbstverzehr‑Metapher, die so unheimlich ist, dass man sie nur in der Sprache der Wissenschaft erträgt. Der Körper, sagte er, habe Mechanismen der Reinigung; man müsse ihm nur Zeit geben. Zeit – wieder Zeit. Alles in diesen Programmen war am Ende Zeitmanagement.

Hans Castorp dachte an den Ring und an die Schlafauswertung. Er dachte daran, wie er gestresst gewesen war, weil er gestresst war. Und er merkte, dass Autophagie, so sehr man sie als Reinigung verkauft, auch eine Drohung enthält: Der Körper frisst, wenn man ihn lässt, sich selbst. Das ist, wenn man streng ist, die biologische Grundform des Todes. Man nennt sie nur anders, damit sie nach Leben klingt.

Zieser, der nicht für Abgründe zuständig war, sondern für Wiederholungen, schwenkte vom Essen zur Bewegung. Er tat es so, als gehöre beides ohnehin zusammen; und in diesen Häusern tut es das auch, weil alles in „Praxen“ organisiert ist.

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