Abschnitt 3

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Er stellte sich nicht ans Pult. Es gab auch kein Pult. Er stellte sich neben den Flügel, als sei der Flügel sein Requisit. Und er sagte, ohne Einleitung, ohne höfliches Vorgeplänkel:

„Measure what matters.“

Das englische Wort stand im Raum wie ein kaltes Glas. Es hatte etwas Befehlsartiges, gerade weil es so glatt war.

Zieser ließ den Satz einen Augenblick wirken, als wäre er eine Übung: man hält ihn aus, dann atmet man weiter.

„Keep it simple“, fügte er hinzu, und nun lächelten einige Gäste erleichtert, weil sie dachten, Einfachheit sei ein Versprechen. Sie bemerkten nicht, dass Einfachheit in solchen Systemen oft nur die Form ist, in der der Zwang angenehm wird.

Er sprach dann – und hier zeigte sich die Kunstfigur ganz – nicht wie ein Schwärmer, sondern wie ein Mann, der gewohnt ist, Dinge in Grundmuster zu zerlegen. Er sprach von „Default“, von „Muster“, von „Umfeld“; er sprach davon, dass Menschen nicht an fehlendem Wissen scheitern, sondern an einem Alltag, der ihnen ständig „Energieüberschuss“ anbietet, verpackt als Trost. Er sprach von „ultraprocessed“, und man hörte, wie dieses Wort, das wie ein technischer Defekt klingt, in den Köpfen der Gäste zu einer neuen Kategorie des Bösen wurde.

Hans Castorp hörte zu, und er hörte zugleich sich selbst zu, wie er zuhörte. Denn in ihm regte sich eine alte, bürgerliche Bewegung: die Hoffnung, dass das Leben, wenn man es nur richtig ordnet, auch richtig wird.

Zieser erklärte, warum man ein „Default‑Optimum“ brauche: nicht, weil es für jeden Menschen perfekt sei, sondern weil der Mensch in der Praxis nicht ständig neu entscheiden könne, ohne zu ermüden. Man brauche ein Grundmuster, das im Alltag gewinnt, nicht in der Theorie.

Er sagte „artgerecht“, und er sagte es, als sei es ein naturwissenschaftlicher Begriff, nicht ein moralischer. Doch er erklärte es dann sehr pragmatisch: Energie, Nährstoffdichte, Ballaststoffe, Fettqualität, minimale Verarbeitung. Er sprach von Gemüse, von Hülsenfrüchten, von Obst, Vollkorn, Fisch; er sprach von ungesättigten Fetten. Er sprach so konkret, dass die Abstrakta plötzlich nach Brokkoli rochen.

„Mediterrane Vollwert‑Ernährung“, sagte er, „ist das bestuntersuchte Default‑Optimum.“

Das Wort „mediterran“ hatte in der alpinen Luft etwas Verführerisches. Es war, als hätte man das Südenwort, das Gustav von A. einst auf ein Blatt geschrieben hatte, hier in eine Formel gegossen. Der Süden als Ernährungsplan: das war moderne Magie.

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