Man nennt es Musikzimmer, verehrte Leserin, verehrter Leser, und das ist schon der erste kleine Witz. Denn Musik – wirkliche Musik, nicht das gedämpfte Hintergrundrauschen aus unsichtbaren Lautsprechern – ist in solchen Häusern meist ein Dekor, ein Zeichen für Kultur, so wie Lilien ein Zeichen für Würde sind und der Leuchter über der Empfangshalle ein Zeichen für Feierlichkeit. Musik ist, wenn man ehrlich ist, hier weniger Kunst als Behauptung: Wir sind nicht nur Wellness, wir sind auch Welt.
Das Musikzimmer war ein großer Raum mit Parkett, mit roten Säulen, die, in ihrer freundlichen Robustheit, etwas von Theaterkulissen hatten; an der Stirnseite eine niedrige Bühne, darauf ein schwarzer Flügel, geschniegelt wie ein Tier, das man zur Zierde hält. Davor standen Tische und Stühle, nicht in strenger Reihenordnung, sondern in jener gemütlichen Unordnung, die Gemütlichkeit simuliert, obwohl sie natürlich auch geplant ist. Die großen Fenster gingen in den Park – oder in das, was man Park nennt, wenn man ihn pflegt wie eine Visitenkarte; dahinter sah man Bäume und Wiese, und diese Wiese war, an diesem Abend, bereits nicht mehr weiß. Man darf, wenn man will, darin ein Zeichen sehen, dass die Jahreszeit sich verschob. Man darf auch einfach sagen: Das Gras war grün.
Hans Castorp kam nicht, weil er eine Leidenschaft für Vorträge hatte. Er kam, weil er, seit Dr. Porsche seine Diastole „normal hoch“ genannt hatte und der Ring am Finger ihm diesen „Stress“ wie ein höfliches Urteil täglich vorlegte, eine besondere Empfänglichkeit für alles entwickelt hatte, was nach Lösung klang. Und weil er – das ist wichtig – ein Mensch war, der sich, wenn er ratlos wird, nicht auflehnt, sondern an eine Instanz wendet. Der Vortrag war eine Instanz, die man ohne Scham besuchen konnte: Man saß einfach da und tat, als ginge es um Allgemeines, während man in Wahrheit sehr Privates hoffte.
Er setzte sich nicht nach vorn, sondern an den Rand. Er setzte sich, wie er immer saß: so, dass er teilnehmen konnte, ohne ganz sichtbar zu sein. Sichtbarkeit war für ihn, seit dem Krieg, eine ambivalente Kategorie; sie bedeutete im bürgerlichen Leben Anerkennung, im militärischen Leben Erfassung – und in der modernen Welt, die beides zugleich ist, etwas Drittes, das man noch nicht recht benennen kann, aber das sich in Kameras, Ringen, Daten und QR‑Codes äußert.
Der Ring saß an seinem Finger wie ein Siegel. Er maß – und das war das Unheimliche – nicht nur, was er tat, sondern auch, was er war: Herzfrequenz, Temperatur, Bewegung, Schlaf. Er maß die Zeit des Körpers, die man früher nur fühlte. Und Hans Castorp, der im Zauberberg gelernt hatte, dass man Zeit nicht erzählen kann, ohne sie dabei zu verhandeln, begann nun zu ahnen, dass man Zeit auch nicht mehr leben kann, ohne sie zu messen.
Als die Gäste sich gesetzt hatten, und als das Murmeln – jenes leichte, bürgerliche Geräusch, das entsteht, wenn Menschen in gemeinsamer Erwartung ihre Individualität noch einmal kurz behaupten – sich legte, trat Prof. Frank Zieser auf die Bühne.
Man nannte ihn Professor, und niemand fragte, wovon. In solchen Häusern ist der Titel weniger ein akademischer Sachverhalt als ein Tonfall. Zieser sah auch nicht aus wie ein Professor im klassischen Sinn; er hatte nicht jene leicht ausgeleierte Gelehrtenform, die vom Sitzen und Denken kommt, sondern eine Form, die vom Stehen und Wiederholen kommt. Schlank, sehnig, mit einer Körperhaltung, die nicht militärisch war und doch Disziplin verriet; ein Gesicht, das in der Sonne und im Spiegel geformt schien, nicht durch Eitelkeit allein, sondern durch einen Willen zur Linie. Er trug keine Trainingskleidung, sondern etwas, das man, in solchen Häusern, „smart casual“ nennt: als wolle er sagen, dass auch die Einfachheit einen Dresscode hat.