Abschnitt 10

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Am Morgen, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist die Moral immer da, selbst wenn man sie nicht bestellt hat. Sie kommt mit dem Licht, mit dem Kaffee, mit den Zahlen.

Hans Castorp wachte auf, sah auf den Ring, und die Auswertung war – man möchte sagen: freundlich. Die Einschlaflatenz war kürzer. Der Stressindikator war niedriger. Der REM‑Anteil hatte sich verbessert, wie ein Schüler, der endlich begriffen hat, dass man ihn benotet.

Und dann, als wäre Schlaf nur eine Abteilung im großen Programm, sprang die Anzeige um.

„Aktivität“, stand da.

„Ziel: 10.000.“

Es war noch nicht einmal Frühstück, und die Forderung war schon da. So beginnt, in der modernen Welt, der Tag: mit einem Soll.

Hans Castorp ging – nach dem Frühstück, das inzwischen kein Frühstück mehr war, sondern ein Setting – zu Dr. Porsche.

Er musste sich anmelden. Er musste seinen Namen nennen. Er musste einen Zettel unterschreiben. Die Erzählung will hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht in den Verdacht geraten, Anleitungen zu erteilen; aber sie kann nicht verschweigen, dass Unterschriften in Hans Castorps Leben eine besondere Schwere haben. Denn wer unterschreibt, bekennt sich. Und wer sich bekennt, wird greifbar.

Dr. Porsche empfing ihn warm. Er sprach, wie er immer sprach: freundlich, präzise, mit jener kleinen Begeisterung, die in ihm wie ein Riss durch die Professionalität geht.

„Ah, Herr Castorp“, sagte er. „Wie war die Nacht?“

Hans Castorp zögerte. Früher hätte er gesagt: gut oder schlecht. Heute sagte er:

„REM: besser.“

Porsche nickte zufrieden, als hätte Hans ihm ein Kompliment gemacht.

„Sehr gut“, sagte er. „Dann können wir jetzt die nächsten Säulen setzen.“

Säulen: das Wort passte zu den roten Säulen im Musikzimmer, und Hans Castorp merkte, wie sehr die Welt hier aus Metaphern besteht, die zugleich Architektur sind.

Porsche zog ein Blatt hervor. Es war kein einfaches Blatt. Es war ein Plan. Es hatte Tabellen, Felder, vielleicht sogar – man konnte es nicht genau sehen – einen QR‑Code.

„Wir machen das“, sagte Porsche, „in einem Zyklus. Vier Tage. Drei Tage Deload, ein Tag Refeed.“

Hans Castorp hörte „Zyklus“ und dachte: Zeit als Schleife. Er hörte „Deload“ und dachte: Fasten. Er hörte „Refeed“ und dachte: Fest. Walpurgisnacht in Vier‑Tagen.

„Tag eins: PUSH“, sagte Porsche, und er schrieb es hin, als schreibe er eine Kurve. „Minus sechshundert Kilokalorien.“

Minus: Das Wort war so klein, und doch hatte es Macht.

„Tag zwei: LEGS“, fuhr Porsche fort. „Minus sechshundert.“

„Tag drei: PULL“, sagte er. „Minus sechshundert.“

„Tag vier: kein Workout“, sagte er, und nun lächelte er ein wenig, als sei dies die eigentliche Verführung. „Plus tausend.“

Plus tausend.

Hans Castorp spürte, wie sein Körper auf diese Zahl reagierte, obwohl er sie noch nicht gegessen hatte. Der Körper liebt das Plus.

„Das machen wir“, sagte Porsche, „bis wir beim Körperfettanteil in die Nähe von zehn Prozent kommen.“

Zehn Prozent.

Es war eine Zahl, verehrte Leserin, verehrter Leser, die so glatt war, so rund in ihrer Strenge, dass man ihr sofort etwas Ideales zutraute. Porsche sagte dazu, ganz in der Art moderner Priester, die ihre Dogmen mit einem „man sagt“ bemänteln:

„Das gilt, so sagt man, bei Männern als… optimal.“

Hans Castorp dachte nicht darüber nach, ob es stimmt. Er dachte nur: optimal. Er dachte: Wenn ich optimal bin, bin ich vielleicht… sicher.

Und dann – als wäre auch dies nur eine Variante der alten Zauberberg‑Logik – dachte er: Sicherheit ist die bürgerliche Version von Unsterblichkeit.

Porsche sprach weiter. Er sprach von Anpassungen später, von Kalorienbilanzen, von Hypertrophiezielen, von Individualisierung. Er sprach davon, dass man nicht dogmatisch sein dürfe, sondern „responsiv“. Ein modernes Wort, das klingt, als sei Flexibilität eine Tugend, während sie in Wahrheit oft nur die Anpassungsfähigkeit an das Programm ist.

„Wir geben das an die Küche“, sagte Porsche. „Sie bekommen Ihre Mahlzeiten so, dass Sie nicht nachdenken müssen.“

Nicht nachdenken müssen: Das war das eigentliche Versprechen. Denn Nachdenken ist anstrengend. Und die Moderne verkauft Erleichterung.

Hans Castorp nickte.

Er nickte, und in diesem Nicken lag – und das ist die Ironie, die er nicht benennen konnte – ein Gehorsam, der sich wie Freiheit anfühlt.

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