Abschnitt 1

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Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, Worte, die in einer Epoche plötzlich den Klang einer Moral annehmen – nicht weil sie an sich moralisch wären, sondern weil man sie, mit einer Mischung aus Angst und bürgerlichem Ehrgeiz, so behandelt. „Optimierung“ ist eines dieser Worte; „Hygiene“ ein anderes; „Prävention“ ein drittes, das sich, unerquicklich genug, anhört wie eine Tugend und doch, wenn man genauer hinhört, ein Geschäft meint. Und schließlich gibt es Worte, die so unschuldig, so alltäglich daherkommen, dass man erst spät merkt, wie sehr man mit ihnen gehorcht: „Ernährung“, zum Beispiel, und „Aktivität“.

Ernährung – das war einmal Brot, Käse, Suppe, Sonntagsbraten; ein Ding, das man tat, weil man leben wollte und weil das Leben, nebenbei, gern auch schmecken durfte. Aktivität – das war einmal Arbeit, Spaziergang, Tanz; ein Abfließen von Kraft in die Welt hinein, ohne dass jemand dabei die Kraft in Zahlen zerlegte. Heute aber ist beides – und das ist nicht bloß eine Beobachtung, sondern, wenn man streng ist, ein Symptom – zu einer Art säkularer Frömmigkeit geworden. Man isst nicht mehr; man „führt zu“. Man geht nicht; man „erreicht“. Man schläft nicht; man „optimiert den REM‑Anteil“. Und man sitzt nicht; man sündigt.

Denn es heißt ja – und wie gern sagt man es, wie gern gibt man dem Alltäglichen einen apodiktischen Satz, damit es endlich nach Naturgesetz klingt: „Sitzen ist das neue Rauchen.“

Dieser Satz, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist eine jener modernen Formeln, die zugleich warnen und verführen: warnen, weil sie den Schrecken in den Alltag schmuggelt; verführen, weil sie dem Alltag plötzlich Bedeutung gibt. Wer sitzt, ist nicht einfach müde, sondern gefährdet. Wer steht, ist nicht einfach unbequem, sondern tugendhaft. Und wer geht – der ist schon fast erlöst.

In solchen Häusern wie der Sonnenalp, wo man ohnehin alles gern als Ritual, als Programm, als Paket verkauft, konnte es nicht ausbleiben, dass diese neue Frömmigkeit ihre liturgische Form bekam: den Vortrag. Denn der Vortrag ist das moderne Äquivalent der Predigt – nur dass er statt Weihrauch Folien hat, statt Psalmen Studiennamen, und statt des Jenseits ein Versprechen, das man „Long‑Term Health Outcomes“ nennt.

So kam es zu jenem Abend im Musikzimmer.

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