Am Abend, verehrte Leserin, verehrter Leser, war die Luft im Zimmer so ruhig, dass die Ruhe selbst wie eine Anordnung wirkte. Hans Castorp machte, fast automatisch, die Dinge, die er inzwischen „Rituale“ nannte, weil man in solchen Häusern alles, was man wiederholt, Rituale nennt, damit es nicht wie Zwang klingt.
Er stellte sich auf die Waage, sah eine Zahl, die ihn weder erschreckte noch beruhigte, weil sie nur eine Zahl war und doch das Gefühl hatte, über ihn zu urteilen. Er trank Wasser. Er stellte den Handapparat auf den Tisch und sah ihn an, als sei er ein Tier, das man nicht reizen darf.
Dann holte er die Blutdruckmanschette.
Er setzte sich aufs Bett, legte das Band um den Arm, drückte auf den Knopf. Die Maschine summte, zog zu, ließ los – und in diesem kleinen mechanischen Ziehen und Lösen lag eine ganze moderne Pädagogik: Druck, Entlastung, Druck, Entlastung.
Hans Castorp sah die Werte.
Systole: unauffällig.
Diastole: 82.
„Normal hoch“, dachte er.
Es war, als spräche jemand den Ausdruck in seinem Kopf aus, ganz sachlich, ganz freundlich. Hans Castorp notierte den Wert in sein kleines Buch – ja, er hatte sich inzwischen ein Buch dafür angelegt; man wird schnell ein Notierer, wenn man in einem Programm lebt – und legte den Stift weg.
Dann saß er da und wusste nicht, was er nun tun soll. Denn in der alten Welt war nach der Messung das Ende. Man hatte die Temperatur gemessen, man hatte die Kurve gezeichnet, man hatte die Decke zurechtgezogen, und die Nacht kam, wie sie wollte.
In der neuen Welt aber ist die Messung oft erst der Anfang.
Hans Castorp atmete aus und sagte sich: Heute nicht.
Er erinnerte sich an AuDHS’ Satz: Die Geräte in Ruhe.
Er legte den Handapparat nicht weg – man legt so etwas nicht weg, es liegt immer irgendwo –, aber er drehte es um, so dass das Display nach unten zeigte, als könne man Licht durch Scham stoppen.
Dann klopfte es.
Hans Castorp zuckte zusammen, weil Klopfen in der Nacht immer etwas Amtliches hat, selbst in einem Hotel, das sich Wellness nennt.
„Ja?“ rief er.
Die Tür öffnete sich, und Herr Kautsonik stand da.
Er trug, wie immer, jene korrekte Jacke, die ihn wie eine Figur der Ordnung wirken ließ. In der Hand hielt er ein Paket, flach, länglich, in Papier eingeschlagen, und unter dem Arm eine Rolle, wie man eine Decke trägt.
„Der Herr“, sagte er, und seine Stimme war leise, als respektiere er die Nacht, „ein Geschenk.“
Hans Castorp starrte ihn an.
„Ein Geschenk?“ wiederholte er.
Kautsonik nickte.
„Vom Herrn Doktor“, sagte er. „Von Dr. AuDHS.“
Hans Castorp spürte, wie ihm das Wort „Fakir“ in den Kopf trat, bevor er das Paket überhaupt gesehen hatte.
„Das ist…?“ begann er.
Kautsonik hob die Brauen, und in seinem Blick lag jene trockene Heiterkeit, die er besitzt, wenn das Haus besonders modern wird.
„Spitz“, sagte er. „Sehr… spitz.“
Hans Castorp nahm das Paket. Es war leichter, als er gedacht hatte. Leicht ist in solchen Fällen oft gefährlich.
Kautsonik reichte ihm die Rolle.
„Und das dazu“, sagte er. „Für den Nacken.“
Hans Castorp hielt beides, als hätte er soeben ein Tier adoptiert.
„Danke“, sagte er.
Kautsonik nickte.
„Der Herr Doktor meinte“, sagte er, und man hörte, dass er einen Satz zitiert, den er selbst nicht ganz versteht, aber respektiert, „es sei psychosomatisch.“
Hans Castorp lächelte. Kautsonik sagte „psychosomatisch“ wie ein Fremdwort, das in einem Hotel plötzlich zum Service geworden ist.
„Ja“, sagte Hans Castorp. „Psychosomatisch.“
Kautsonik machte einen Schritt zurück, blieb aber noch einen Moment in der Tür stehen, als wolle er, als Guest Relations Manager, die emotionale Lage des Gastes prüfen.
„Schlafen Sie gut“, sagte er.
Es war, verehrte Leserin, verehrter Leser, einer jener Sätze, die man tausendmal hört und die doch, wenn man nicht schlafen kann, wie eine kleine Bosheit wirken. Hans Castorp nickte höflich.
„Ich werde es… versuchen“, sagte er.
Kautsonik lächelte kurz.
„Versuchen“, sagte er. „Das ist hier ein Programmwort.“
Dann ging er.
Hans Castorp stand mit dem Paket in der Hand und dachte: Man liefert mir sogar die Stacheln.
Er setzte sich, packte es aus.
Zum Vorschein kam eine Matte, aus einem Material, das nach Kunststoff und neuer Ware roch, und auf dieser Matte standen kleine, gleichmäßige Spitzen, wie ein Miniaturgebirge. Daneben die Nackenrolle, ebenfalls mit solchen Spitzen, nur runder, als wäre sie eine freundlichere Form der Unfreundlichkeit.
Hans Castorp betrachtete die Matte und empfand einen Anflug von Komik. Ein Mensch, der in einem Hotel wohnt, das Langlebigkeit verkauft, legt sich nun auf Plastikstacheln, um zu schlafen. Das ist so modern, dass es schon wieder archaisch wirkt.
Er legte die Matte auf den Teppich, zögerte, und setzte sich dann langsam darauf, erst mit den Händen, dann mit dem Rücken, als würde er in ein kaltes Wasser steigen.
Die Spitzen drückten. Nicht schneidend, nicht blutig, aber eindeutig. Der Körper, dieser ehrliche, meldete: Da ist etwas.
Hans Castorp spürte, wie sein Atem flacher wurde, und dann, nach einigen Augenblicken, tiefer. Es war, als wäre der Körper gezwungen, sich auf etwas Konkretes zu konzentrieren, statt auf die Autobahn unten.
„Psychosomatisch“, dachte er.
Er legte die Nackenrolle unter den Hals.
Der Druck war zunächst unangenehm, dann merkwürdig… ordnend. Nicht angenehm im Wohlfühl-Sinn, sondern angenehm wie ein zugezogener Gürtel, der sagt: Du bist hier. Du bist im Körper. Nicht in der Vergangenheit.
Hans Castorp schloss die Augen.
Er wartete.
Und während er wartete, merkte er, dass das Warten, diesmal, nicht sofort die Autobahn anschaltete. Es gab immer noch Fahrzeuge, ja. Aber sie fuhren weiter weg. Oder er hörte sie weniger.
Er stand irgendwann auf – nicht, weil er genug gehabt hätte, sondern weil der Körper, auch wenn man ihn beruhigt, seine Grenzen hat – und legte sich ins Bett.
Der Ring war am Finger. Der Handapparat lag umgedreht. Die Nacht war da wie ein Zimmer, das man nicht betreten will, weil man sich darin zu gut kennt.
Hans Castorp atmete aus.
Und dann erinnerte er sich an das Chamäleon.
Er begann, sich die Geschichte zu erzählen.
Nicht laut. Nicht wie ein Vorleser. Sondern so, wie man in sich hinein spricht, wenn man allein ist und doch nicht allein sein will.
Die Sätze kamen zuerst noch eckig. Sie kamen aus dem Willen. Dann, nach einigen Augenblicken, wurden sie weicher. Und der Erzähler, verehrte Leserin, verehrter Leser, wird jetzt, wenn Sie erlauben, ein wenig leiser – nicht, weil er müde ist, sondern weil Müdigkeit ansteckend sein kann.