Dass man in solchen Häusern Ärzte „holen lässt“, ist eine Sitte, die zugleich alt und neu ist: alt, weil sie den Arzt zum Diener macht; neu, weil sie den Gast zum Case macht. Hans Castorp ging, wie er es bereits einmal getan hatte, zur Empfangshalle, wo Herr Kautsonik stand, und fragte, mit jener Mischung aus Scheu und Selbstverständlichkeit, die der moderne Mensch entwickelt hat, wenn er um Betreuung bittet:
„Sagen Sie… kann man den Herrn Doktor sprechen?“
Kautsonik hob die Brauen. Er war, in seiner Renter‑Existenz, ein Mann, der nichts mehr beweisen musste, und gerade deshalb war er der ideale Spiegel für all die, die noch beweisen wollen.
„Den Herrn Doktor?“ fragte er in jenem Ton, der schon die Hälfte der Antwort ist.
„AuDHS“, sagte Hans Castorp.
Kautsonik nickte, als hätte er genau dieses Kürzel erwartet.
„Der Herr Doktor“, sagte er, und er sprach die Anrede so aus, als gäbe es in der Welt noch Gewissheiten, „ist im Hause. Ich lasse ihn holen.“
Er griff nach seinem Gerät, sprach hinein, und Hans Castorp sah wieder diese merkwürdige moderne Magie am Werk: Man spricht in ein kleines Ding, und ein Mensch erscheint.
Kautsonik legte das Gerät weg, sah Hans Castorp an und sagte, mit einer trockenen Höflichkeit, die zugleich Mitgefühl ist:
„Schlaf, nicht wahr?“
Hans Castorp blinzelte.
„Woher…?“
Kautsonik machte eine kleine Handbewegung, als wolle er sagen: Ich habe Jahrzehnte.
„Man erkennt es am Gang“, sagte er. „Und daran, dass die Leute plötzlich sehr leise sprechen. Als wollten sie den Schlaf nicht erschrecken, der ohnehin nicht kommt.“
Hans Castorp lächelte, unfreiwillig.
„Ja“, sagte er. „Schlaf.“
Kautsonik nickte.
„Das ist unerquicklich“, sagte er. „Früher kam man her, um zu ruhen. Heute kommt man her, um zu lernen, wie man ruht.“
Er sagte es nicht spöttisch. Er sagte es, wie er auch gesagt hätte: Früher war der Tresen dort drüben.
Dann warteten sie, und man hätte meinen können, sie warteten auf einen Arzt; in Wahrheit warteten sie auf eine Deutung.
Dr. AuDHS erschien, wie immer, nicht wie jemand, der geholt wird, sondern wie jemand, der sich nur kurz unsichtbar gemacht hat. Er trat aus einer jener Zonen, in denen das Personal verschwindet, und sein Lächeln war zugleich freundlich und wissend, als wüsste er, dass Hans Castorp an einem Punkt angekommen war, an dem sich das Programm selbst entlarvt.
„Herr Castorp“, sagte er.
Hans Castorp spürte bei dem Namen wieder dieses kleine Zucken, das er inzwischen kannte: die Erinnerung daran, dass ein Name, in seinem Fall, nie nur ein Name ist.
„Herr Doktor“, sagte er und hielt die Anrede fest wie ein Geländer.
AuDHS sah ihn an – und man merkte, dass er nicht nur sah, sondern auch die Daten sah, selbst wenn er sie nicht vor Augen hatte. Der Blick der Moderne ist nicht mehr nur physiognomisch, er ist statistisch.
„Sie haben schlechte Nächte“, sagte er.
Es war kein Vorwurf. Es war ein Befund.
Hans Castorp nickte.
„Ich…“ begann er und stockte, weil es unerquicklich ist, einem anderen zu gestehen, dass man in etwas so Grundlegendem wie Schlaf unsicher geworden ist. „Der Ring…“
AuDHS lächelte, und in diesem Lächeln lag jene Ironie, die nicht kühlt, sondern versteht.
„Ah“, sagte er. „Der Ring. Ihre neue Ehe.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Ehe?“
„Ein Ring ist ein Versprechen“, sagte AuDHS. „Früher versprach man damit Treue. Heute verspricht man damit Transparenz. Und Transparenz, verehrte Leserin, verehrter Leser – verzeihen Sie, Herr Castorp –, ist die moderne Form der Untreue gegen sich selbst.“
Hans Castorp schwieg. Er verstand nicht alles, aber er verstand genug, um sich ertappt zu fühlen.
„Er sagt“, sagte Hans Castorp, und man hörte in dem „er“ bereits die Personifizierung der Maschine, „ich schlafe schlecht.“
„Sie schlafen schlecht“, bestätigte AuDHS. „Und jetzt kommt das Modernste daran: Sie schlafen noch schlechter, weil Sie es wissen.“
Hans Castorp atmete aus. Das war genau die Wahrheit, die er nicht hören wollte, weil sie so banal war und darum so richtig.
„Ich habe versucht…“ begann er.
AuDHS hob die Hand.
„Sie haben versucht“, sagte er. „Und genau darin liegt die Falle. Schlaf ist die einzige menschliche Tätigkeit, die sich verschlechtert, sobald man sie betreibt.“
Er machte eine Pause, sah kurz zur Seite, als würde er in Gedanken eine kurze Fußnote setzen, dann sagte er:
„Dr. Porsche hat Ihnen gesagt, Sie müssten den REM‑Anteil verbessern.“
Hans Castorp nickte.
„Er hat… er hat das Wort gesagt. Und ich habe genickt.“
„Das ist Ihr Talent“, sagte AuDHS mild. „Sie nicken sich durch Ihr Leben.“
Hans Castorp lächelte, höflich. Und ein wenig unerquicklich.
„REM“, fuhr AuDHS fort, „ist – grob gesprochen – jene Zone, in der der Körper schläft und der Geist arbeitet. Oder anders: in der der Geist endlich arbeiten darf, ohne dass der Körper ihn überwacht.“
Hans Castorp dachte unwillkürlich an Tonio, an das Schaffen, das nicht in den Tag passt; und er dachte, wie seltsam es ist, dass die Moderne sogar dem Traum vorschreibt, wie produktiv er sein soll.
„Und um REM zu verbessern“, sagte AuDHS, „müssen Sie Stress reduzieren.“
„Stress“, wiederholte Hans Castorp leise.
AuDHS nickte.
„Stress“, sagte er. „Und jetzt kommen wir zu etwas, das Dr. Porsche Ihnen wahrscheinlich nicht in die Hand gegeben hat, weil es… zu wenig repräsentativ ist: Stress ist nicht nur im Kopf. Stress ist im Körper. Und deshalb, Herr Castorp, kann man den Kopf nicht mit dem Kopf beruhigen. Man muss ihn überlisten.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Wie?“
AuDHS zog die Brauen hoch.
„Psychosomatisch“, sagte er.
Hans Castorp wartete. Er wartete wie ein Schüler, der eine Lösung erwartet, die man nachmachen kann.
AuDHS lächelte und sagte, fast verschwörerisch:
„Ich mache das selbst.“
Hans Castorp blinzelte.
„Sie?“
„Ja“, sagte AuDHS. „Ich bin Doktor, aber ich bin auch Mensch. Und ich bin – das ist das Peinliche – ebenfalls ein Fall.“
Er sagte es ohne Scham. Das war der Riss, den Sie sich gewünscht haben: dieser Mann, der andere ordnet, ist selbst nicht geordnet.
„Wenn ich“, fuhr er fort, „abends merke, dass meine Gedanken unten auf der Autobahn fahren, dann tue ich etwas, das sehr unmodern ist: ich gebe dem Körper ein Problem, das kleiner ist als die Probleme des Kopfes.“
Hans Castorp verstand nicht ganz.
AuDHS sagte:
„Akupressur. Fakir‑Matte. Fakir‑Nackenrolle.“
Hans Castorp starrte ihn an, als hätte er soeben das Wort „Geißel“ gehört.
AuDHS nickte.
„Ja“, sagte er, als habe er den Blick gelesen. „Es ist eine Art domestizierter Schmerz. Nicht genug, um heroisch zu sein. Aber genug, um den Geist zu zwingen, die Autobahn kurz zu verlassen.“
Hans Castorp fühlte eine seltsame Mischung aus Abwehr und Neugier. Abwehr, weil Schmerz unerquicklich ist. Neugier, weil er ahnte, dass gerade im Unangenehmen manchmal Rettung liegt.
„Das soll… helfen?“ fragte er.
„Es soll“, sagte AuDHS, „den Körper dazu bringen, ein paar von diesen Stress‑Schleifen zu lösen. Im Fall von Ihnen: gegen das ‚normal hoch‘. Nicht, weil die Matte Blutdruck senkt wie ein Medikament – wir sind hier nicht im Prospekt –, sondern weil sie die ganze innere Haltung verändert: aus dem Aufgespannten ins Erdige.“
Hans Castorp dachte an den Satz: Ordnung ist vielleicht nur eine Angst, die sich geschniegelt hat. Und er dachte, dass sein Kopf geschniegelt ist bis in die Nacht hinein.
„Und ich bekomme… so eine Matte?“ fragte er, und man hörte, wie absurd es ist, in einem Luxushotel nach einer Fakir‑Matte zu fragen.
AuDHS lächelte.
„Sie bekommen sie nicht“, sagte er. „Sie bekommen sie geschenkt. Später. Auf Ihr Zimmer. Damit Sie nicht behaupten können, Sie hätten keine Möglichkeit.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Ein Geschenk“, wiederholte er.
„Ein Geschenk“, sagte AuDHS. „Die Moderne schenkt Ihnen sogar den Schmerz, damit Sie ihn nicht selbst suchen müssen.“
Hans Castorp lächelte. Es war ein echtes Lächeln. Und es war, wie so oft, ein wenig unerquicklich, weil es ihm die Absurdität zeigte, die er doch mitmacht.
AuDHS fuhr fort, nun wieder ganz sachlich, mit jener angenehmen Ruhe, die dem anderen das Gefühl gibt, er sei in kompetenten Händen:
„Das ist das eine. Das Körperliche. Psychosomatische Meditation.“
Hans Castorp nickte.
„Und das andere?“ fragte er.
AuDHS sah ihn an, und in seinem Blick lag plötzlich etwas, das weniger Arzt war und mehr Erzähler.
„Das andere“, sagte er, „ist eine Geschichte.“