Abschnitt 5

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Der Selbstversuch war unerquicklich, weil er nicht wie eine Übertretung aussah, sondern wie Vernunft.

Hans Castorp hatte sich, seit Zieser ihn in den GYMcube geführt und aus Ratlosigkeit Wiederholungen gemacht hatte, daran gewöhnt, dass man Dinge, die man nicht kann, durch Regeln zähmt. Zieser hatte gesagt: Measure what matters. Und: Ein Satz ist erst fertig, wenn er notiert ist.

Hans Castorp hatte diese Sätze aufgenommen wie man, in der Kirche, Gebote aufnimmt: nicht, weil man sie liebt, sondern weil man sie braucht, um sich zu halten. Und nun dachte er, der Schlaf müsse sich ebenso halten lassen.

Er suchte nach Methoden, ohne zu suchen, weil Methoden heute überall sind. Sie springen einem entgegen, sie sind in Prospekten, in Programmen, in Gesprächen, in den beiläufigen Bemerkungen der Menschen, die sich hier oben in der gemeinsamen Anstrengung der Selbstverbesserung gegenseitig versichern, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Er probierte das Naheliegende: frühes Zubettgehen. Dunkelheit. Kein Alkohol. Kein Feuerwerk. Er trank am Abend nicht einmal mehr die zweite Tasse Tee, weil er plötzlich alles verdächtig fand, was „anregt“. Er setzte sich, bevor er ins Bett ging, auf den Sessel am Fenster, sah hinunter ins Tal, wo die Lichter lagen, und dachte: Da unten fährt sie, die Autobahn. Gedanken, Fahrzeuge. Bedeutungen, Scheinwerfer.

Dann legte er sich hin und sagte sich: Jetzt schläfst du.

Er sagte es, als sei Schlaf ein Soldat, dem man einen Befehl gibt.

Und er wartete.

Er wartete, und während er wartete, dachte er an das Warten. Und während er daran dachte, merkte er, dass das Warten die Autobahn nur heller machte.

Er versuchte Atemzählerei. Er versuchte, die Gedanken nicht zu füttern. Er versuchte, sie wie Fahrzeuge vorbeifahren zu lassen. Aber jedes Fahrzeug, das vorbeifuhr, hatte sein Kennzeichen: Krieg. Frau. Name. Lüge. Zieser. Porsche. Normal hoch.

Er spürte, wie sich sein Körper, der eben noch müde gewesen war, wieder anspannte. Er spürte seinen Herzschlag, und sobald er ihn spürte, war er nicht mehr ruhig. Er spürte den Ring am Finger, dieses diskrete Metall, und es war, als spürte er eine fremde Hand auf seiner Nacht.

Er schaltete den Handapparat aus – oder tat so. Denn ausgeschaltet heißt heute oft nur: still. Und still heißt: später.

Er drehte sich auf die Seite. Er drehte sich zurück. Er zog die Decke höher. Er legte sie wieder ab. Er empfand plötzlich den Stoff als zu warm und die Luft als zu kalt, wie es Menschen empfinden, wenn sie nicht schlafen: Alles ist falsch, weil man selbst falsch ist.

Als er endlich einschlief, war es kein Fallen in Tiefe, sondern ein Wegdriften in eine Zone, in der man, wenn man ehrlich ist, nicht weiß, ob man schläft oder nur nicht mehr die Kraft hat, wach zu sein. Er träumte nicht; oder er erinnerte sich nicht. Und als er morgens wieder die Auswertung sah, war sie – freundlich – kaum besser.

Einschlaflatenz: 41 Minuten.

Wachzeiten: 4, zusammen 66 Minuten.

REM: 13 %.

Und wieder: Stressindikatoren erhöht.

Hans Castorp starrte auf die Zahlen, als würden sie ihn ansehen.

„Stress“, sagte er leise. „Das bin ich also.“

Und dann geschah etwas, das sehr modern ist: Er wurde gestresst davon, dass er gestresst war.

Er saß am Frühstückstisch, betrachtete das „ehrliche“ dunkle Brot, den Lachs, den Alibi‑Butterpunkt, und er merkte, dass selbst das Kauen in solchen Häusern nicht mehr einfach Kauen ist. Es ist Nährstoffaufnahme. Es ist Makro‑Management. Es ist, wenn man streng ist, eine Art befristete Selbstverwaltung.

Und inmitten all dieser Verwaltung wurde ihm bewusst, wie wenig er eigentlich wusste.

Dr. Porsche hatte gesagt: Hypertrophie, Ernährung, Stressreduktion, Schlaf. Er hatte Werte genannt, Begriffe, Programme. Aber er hatte, wie Ärzte es gern tun, weil sie das Konkrete dem Personal überlassen, nicht gesagt: Wie?

Zieser hatte ihm das Wie für den Tag gegeben: acht, zehn, zwölf. Aber für die Nacht hatte niemand ihm ein Schema gegeben.

Und Hans Castorp, verehrte Leserin, verehrter Leser, war ein Mensch, der in Ratlosigkeit nicht heroisch wird, sondern – so unerquicklich es klingt – höflich. Er erträgt sie eine Weile, und dann sucht er eine Instanz.

So wandte er sich, ratlos, an den Herrn Doktor.

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