Nach einigen Tagen – man darf nicht meinen, die Erkenntnisse der Moderne kämen nur nach Monaten und Jahren; sie kommen schnell, weil die Geräte schnell sind – begann der Fingerring, den Dr. Wendelin Porsche Hans ans Herz, oder genauer: an die Hand gelegt hatte, sich bemerkbar zu machen.
Er war, äußerlich betrachtet, ein unschuldiger Gegenstand. Ein schmaler Ring aus dunklem Metall, glatt, ohne Stein, ohne Ornament; er war fast so diskret, dass er sich als Schmuck hätte tarnen können. Aber Diskretion, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist in unserer Zeit eine Form der Macht: Was diskret ist, wirkt harmlos, und gerade deshalb dringt es tiefer ein.
Hans Castorp trug ihn am Finger, wie man eine Kleinigkeit trägt, die man bald vergisst. Er vergaß ihn nicht. Er konnte ihn nicht vergessen, weil er, wenn er vergaß, plötzlich wieder daran erinnert wurde – nicht durch Schmerz, nicht durch Druck, sondern durch Licht. Ein kurzer Aufleuchtton auf dem Handapparat, ein kleines Summen, ein freundlicher Hinweis: Neue Auswertung verfügbar.
So freundlich, so geschäftig, so unerquicklich.
Der Ring maß, wie Dr. Porsche es mit jenem warm-väterlichen und zugleich rissigen Ton erklärt hatte, der jede Fürsorge in einen Auftrag verwandelt, Herzfrequenz, Bewegung, Temperatur – und daraus, so sagte man heute, mache man „Schlaf“. Schlaf, als sei er ein Produkt, das aus drei Zutaten angerührt werden kann.
Hans Castorp, der von Begriffen nur so viel hielt, wie sie Empfindungen erklären helfen, hatte diese Erklärung damals mit jener höflichen Nachgiebigkeit aufgenommen, die ihm eigen war. Er hatte genickt. Er hatte unterschrieben, ohne zu unterschreiben: indem er den Ring trug.
Nun aber, nach einigen Nächten, in denen er sich, wie ein gewissenhafter Schüler, an Dr. Porsches neue Ordnung gehalten hatte – Hypertrophie, Ernährung, Stressreduktion, Schlaf und Aktivität, geistig wie körperlich –, stellte das Gerät fest, was der Mensch, wenn er ehrlich wäre, ohnehin wusste:
Dass der Schlaf nicht gehorcht.