Abschnitt 5

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Sie gingen nicht weit, und doch hatte Hans Castorp das Gefühl, als würden sie das Haus wechseln. Denn die Wege in solchen Einrichtungen sind, verehrte Leserin, verehrter Leser, immer auch Bedeutungswege: Von der Halle der Identitäten in den Raum der Arbeit am Körper ist es ein Schritt, der wie ein Übergang wirkt – vom Bürgerlichen ins Biologische, vom Gespräch ins Schwitzen.

Sie kamen in einen Bereich, der nicht nach Holz und Parfüm roch, sondern nach jenem eigenartigen Gemisch aus Gummi, Metall und sauberer Luft, das sich dort bildet, wo Menschen ihre Kraft als Dienstleistung konsumieren. Dort standen sie: die GYMcubes.

Man muss sich diese Würfel nicht als gemütliche Räume vorstellen. Sie waren wie Zellen, und sie waren es absichtlich. Privatsphäre ist im Luxus, wie Hans Castorp längst gelernt hatte, keine Freiheit, sondern eine Ware. Man hatte früher Kuppeln aus Plastik gebaut, um die Gäste im Schnee sitzen zu lassen wie in Ausstellungen; hier baute man Würfel aus Wänden, um sie mit Eisen allein zu lassen wie mit einem Spiegel.

Dr. AuDHS blieb vor einem Cube stehen.

„Hier“, sagte er.

Hans Castorp sah die Tür. Sie wirkte wie eine Hoteltür. Und doch hatte sie etwas anderes: Sie versprach nicht Schlaf, sondern Anstrengung.

Dr. AuDHS öffnete, und Hans Castorp trat ein.

Es war, als beträte er einen Grundriss.

Denn der Cube hatte innen jene eigentümliche Klarheit, die nur Räume haben, die von Funktion gezeichnet sind. Links, gleich nach dem Eingang, war eine kleine Schleuse, ein Vorraum, der wie ein höflicher Puffer wirkte: Man kam aus dem Hotel, man war noch nicht im Gym. Dann begann ein Gang, schmal, geradlinig, ohne Schmuck. Und an diesem Gang lagen Türen, kleine Türen, hinter denen kleine Räume waren: Umkleide 1, Umkleide 2, Trainer-Raum – so nüchtern benannt, dass es fast wieder ironisch wurde; dann eine Dusche, dann ein WC. Es war, als hätte man die Nebenräume des Menschen – Umziehen, Waschen, Entleeren – in eine Reihe gestellt, wie man Akten ordnet.

Der Gang führte weiter, und am Ende war eine Tür, größer, die in den weißen Bereich öffnete.

Hans Castorp sah durch die geöffnete Tür in diesen weißen Bereich hinein und empfand, mit einem leichten Schreck, wie groß er war. Nicht groß im architektonischen Sinne, sondern groß im moralischen: Hier gab es keine Ausrede. Hier gab es nur das Rack, die Bank, die Stange, die Scheiben, ein Stab, ein paar Verschlüsse, ein paar Matten. Keep it simple – die Einfachheit war nicht gemütlich, sie war streng.

„Sie sehen“, sagte Dr. AuDHS, „es ist ein Würfel. Fünf Meter. Ordnung. Sie können sich nicht verlaufen.“

„Man kann sich“, sagte Hans Castorp, „auch in fünf Metern verlaufen.“

Dr. AuDHS nickte.

„Ja“, sagte er. „In sich.“

Er deutete auf die Türen.

„Ziehen Sie sich um. Umkleide eins oder zwei – je nachdem, was frei ist.“

Hans Castorp sah, dass eine der Türen einen kleinen Lichtspalt hatte, als sei sie belegt. Er nahm Raum zwei. Er trat hinein.

Der Raum war klein, gerade groß genug, um sich auszuziehen, ohne sich zu verstellen. Eine Bank, ein Haken, ein Spiegel. Hans Castorp sah sich im Spiegel an, und er erschrak nicht, weil er nicht eitel war; er erschrak, weil er älter war, als er sich fühlte, und weil Alter im Spiegel immer wie eine Behauptung wirkt: Man sieht es und glaubt es doch nicht.

Er zog das Hemd aus, die Hose, und er zog Dinge an, die nicht nach Fest und Hotel rochen, sondern nach Training: Stoffe, die sich dem Körper anschmiegen, als wollten sie ihn zwingen, ehrlich zu sein. Er band die Schuhe, und dieses Binden hatte etwas von einem Gelübde.

Als er wieder in den Gang trat, hörte er Stimmen. Dr. AuDHS sprach mit jemandem. Die Stimme, die antwortete, war ruhig, tief, und sie hatte einen Ton, der nicht fragt, sondern setzt.

Dann erschien Prof. Frank Zieser.

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