Er ging hinunter in die Empfangshalle, jene Bühne des Kommens und Gehens, die sich, je länger man in solchen Häusern verweilt, desto mehr als das entpuppt, was sie ist: eine Verwaltungsstelle der Identitäten. Hier sagt man seinen Namen, hier bekommt man Schlüssel, hier wird man freundlich geprüft, hier wird man, wenn man streng ist, registriert.
Herr Kautsonik stand, wie so oft, am runden Tisch, der auf verwundenem Wurzelholz ruhte, als habe man dem Baum das Gehen verboten und ihm stattdessen eine Platte aufgesetzt, damit er dem Genuss diene. Auf dem Tisch standen Gläser; daneben lag Stollen, und die Krümel, die er abstrich, wirkten wie die kleinen Spuren der Zeit, die selbst im Luxus nicht zu vermeiden sind. Er war, in seiner dunklen Jacke mit den hellen Nähten, eine Figur der Ordnung; und zugleich war er, in seinem Wesen, eine Figur der Endlichkeit, weil er, wie Hans Castorp wusste, den Tod bereits als Dienstform eingeplant hatte.
„Guten Morgen, der Herr“, sagte Kautsonik.
„Guten Morgen“, antwortete Hans Castorp.
Er zögerte einen Moment, weil es unerquicklich ist, um Hilfe zu bitten, wenn man im Grunde nur nicht zugeben will, dass man etwas nicht versteht. Aber Ratlosigkeit, wie gesagt, ist kalt.
„Sagen Sie“, begann er, „wo finde ich den Herrn Doktor?“
Kautsonik hob die Brauen, und in seinem Blick lag eine Art diskreter Heiterkeit, als hätte Hans Castorp nach etwas gefragt, das in diesem Hause so selbstverständlich ist wie Handtücher.
„Welchen Herrn Doktor?“ fragte er.
„Den…“ Hans Castorp machte eine kleine Pause, als könne er sich an die Buchstaben nicht gewöhnen. „…AuDHS.“
Kautsonik nickte, ohne Überraschung. Es war, als hätte er die Kürzel dieser Zeit bereits so lange gehört, dass sie ihm ebenso vertraut waren wie früher die Namen.
„Der Herr Doktor“, sagte er, und in der Anrede lag jene altmodische, angenehm unmoderne Würde, die Kautsonik allen Ämtern gab, „ist im Hause. Ich lasse ihn holen.“
„Holen?“ fragte Hans Castorp.
Kautsonik lächelte kurz.
„Man holt hier alles“, sagte er. „Handtücher. Tee. Ärzte.“
Er wandte sich halb ab, sprach in ein Gerät, das man heute Telefon nennt, das aber in Wahrheit ein tragbares Kommandobuch ist, und sagte, ohne Pathos: „Der Herr Doktor bitte an die Rezeption.“
Dann kehrte er zu Hans Castorp zurück, als habe er soeben eine Flasche Wasser bestellt.
„Er kommt“, sagte er. „Der Herr Doktor kommt immer.“
Hans Castorp dachte, dass das in einem Hause der Langlebigkeit durchaus als Drohung verstanden werden könnte.
„Danke“, sagte er.
Kautsonik nickte.
„Der Herr ist…“ Er ließ den Satz offen, wie er es verstand. Hotelsprache ist eine Kunst des Andeutens.
„Ratlos“, sagte Hans Castorp, und er ärgerte sich über das Wort, weil es zu ehrlich war.
Kautsonik sah ihn an, und in seinem Blick war für einen Moment etwas, das nicht dienstlich war.
„Ratlosigkeit“, sagte er trocken, „ist auch ein Programm. Nur steht es nicht im Prospekt.“
Hans Castorp lächelte. Es war ein höfliches Lächeln. Und ein wenig unerquicklich.