Abschnitt 2

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Am Morgen jenes Tages, an dem die Sache mit der Hypertrophie sich anbahnte – ein Wort, das so klingt, als trüge es ein altgriechisches Gewand, und das doch in Wahrheit nichts anderes ist als die moderne Form des Schaffens am Körper –, vollzog Hans Castorp zum zweiten Mal die Langlebigkeitszeremonie, die Dr. Porsche ihm empfohlen hatte.

Man darf sich das nicht als fröhliche Selbstfürsorge vorstellen, wie sie auf Prospektbildern lächelt; man muss es sich als Ritual denken, das zwischen Küche und Altar schwebt. Es begann mit dem Abwiegen, und wie unerquicklich ist schon das Abwiegen, verehrte Leserin, verehrter Leser, weil es den Menschen an die Waage bindet, an jene Instanz, die nie schmeichelt und doch von der Eitelkeit verehrt wird. Drei bis dreieinhalb Gramm des dunkelgelben Pulvers, das in einem Glas lag wie gemahlene Sonne: Kurkuma, Ingwer, Schwarzkümmel, Amla, Koriander – und Pfeffer, als stünde irgendwo im Hintergrund ein kleines, scharfes „Aber“.

Er rührte es mit Wasser an. Er trank es nicht wie ein Getränk, sondern in einzelnen Schlucken, und vor jedem Schluck gurgelte er, als müsse die Kehle selbst, dieser Übergang vom Außen zum Innen, gereinigt werden. Bittertropfen folgten, aufgelöst in Zitronensaft, und danach der am Vorabend angesetzte Hibiskus‑Weißtee, tiefrot wie ein feierlicher Fehler in der Ordnung des Hauses. Er siebte Blüten und Blätter, sah zu, wie die Flüssigkeit durch das Metallgitter floss, und dachte, dass selbst das Rot in solchen Häusern gefiltert werden muss.

Dann kam das grasgrüne Pulver, das in seiner Farbe so unanständig vital wirkte, dass Hans Castorp, der in Davos das Blasse und Bleiche als Normalität gekannt hatte, unwillkürlich an Frühling dachte und damit an etwas, das hier oben stets nur als Behauptung vorkommt. NMN, Betain, Matcha – Worte, die wie Passwörter sind. Er rührte, er trank, er schluckte Tabletten, die wie eine kleine, stumme Gesellschaft in ihm hinabstiegen: D3/K2, ASS, Resveratrol, Magnesium, die Multi-Alles-inklusive-Jod-Kapsel, Q10, Metformin – und er wunderte sich, dass man so viel Hoffnung in so wenig Volumen pressen kann.

Der Mensch, dachte er, ist ein Wesen, das sich gern durch Dinge beruhigt, die er in der Hand halten kann. Früher waren es Rosenkränze. Heute sind es Kapseln.

Und während er so schluckte, wie man sich in ein Programm fügt, wurde ihm plötzlich klar, was ihm an Dr. Porsches Empfehlungen gefehlt hatte: Sie waren, bei aller Präzision, zu wenig konkret in einer Hinsicht, die Hans Castorp aus der alten Kurzeit kannte. Damals hatte man Temperaturen gemessen, Kurven gezeichnet, und der Körper war, wenn man so will, in Linien übersetzt worden. Hier maß man auch, gewiss – aber was sollte er tun, außer trinken, schlucken, zählen?

Dr. Porsche hatte von Hypertrophie gesprochen. Und Hans Castorp hatte, höflich wie er war, genickt, ohne zu wissen, was er da annahm.

Hypertrophie – das klang nach Vergrößerung. Und Vergrößerung, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist im menschlichen Leben immer ein zweideutiges Versprechen: Sie kann Rettung sein oder Lächerlichkeit.

Hans Castorp war ratlos.

Er hasste Ratlosigkeit nicht; er war zu träge, um sie zu hassen. Aber er empfand sie als eine Art Kälte, die sich nicht kuratieren lässt. Und so tat er, was er in diesem Hause inzwischen gelernt hatte: Wenn etwas kalt wird, sucht man eine Abteilung.

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