Abschnitt 1

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Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Art Reinlichkeit, die nicht mehr mit Wasser zu tun hat, ja nicht einmal mit Seife, jener altmodischen, fast proletarischen Substanz, die schäumt und duftet und dabei doch, bei aller Sinnlichkeit, nur das tut, was sie seit jeher zu tun hatte: Sie nimmt den Schmutz ab, und der Mensch darf sich danach wieder für einen Augenblick als unschuldig betrachten.

Unsere Zeit hat eine andere Reinlichkeit erfunden. Sie ist trockener, geräuschloser, aus Zahlen gemacht. Sie kommt nicht vom Waschen, sondern vom Messen. Sie verlangt nicht nach einem Handtuch, sondern nach einem Protokoll. Und sie hat, wie alle neuen Tugenden, die Neigung, sich in moralische Begriffe zu kleiden, damit niemand merkt, wie sehr sie doch aus Angst geboren ist.

Hans Castorp hatte, seit dem Besuch bei Dr. Wendelin Porsche, dieser warm‑väterlichen und zugleich rissigen Gestalt des Hauses, der von Gesundheit sprach, als sei sie ein Geschäftsmodell und ein Gewissen zugleich, die Erfahrung gemacht, dass man nicht gesund sein muss, um unter Aufsicht zu geraten. Es genügt, „normal hoch“ zu sein.

„Normal hoch“ – was für ein Ausdruck! Er ist die moderne Form des Verdachts. Er sagt: Es ist nichts, und doch ist es etwas; und weil es etwas ist, wird es zu einer Aufgabe. Der Wert, der Hans am meisten beschäftigte, war dabei nicht, wie man erwarten könnte, der Druck an sich, sondern die Art, wie er sich in sein Leben hineinschob: nicht als Schmerz, nicht als Symptom, sondern als Pflicht. Die Diastole, knapp über achtzig, war wie ein kleiner, korrekt gekleideter Mann, der jeden Abend, kurz vor dem Schlaf, an die Tür klopfte und sagte: Guten Abend. Ich bin auch noch da.

Und dann war da diese andere Zahl gewesen, die man nicht spürt und die doch, wenn man sie einmal gehört hat, im Kopf zu leben beginnt wie ein Gerücht: die Gefäßsteifigkeit, leicht erhöht, rechts und links in Metern pro Sekunde ausgedrückt, als sei der Mensch eine Leitung, in der das Leben wie eine Welle läuft, die zu schnell oder zu langsam sein kann. Hans Castorp, der nie der Mann der Begriffe gewesen war, sondern der Empfindungen, hatte sich dabei ertappt, dass er Zahlen empfand: als Kälte, als Druck, als ein feines Unbehagen.

Er war, wenn man es so nennen darf, ein Patient der Prävention geworden. Und der Patient der Prävention ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine sonderbare Figur: Er hat nichts, und gerade deshalb hat er alles zu tun.

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