Abschnitt 7

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Er stellte sie auf den Tisch, wie man Reliquien aufstellt.

Die eine war dunkelgelb, die andere grasgrün. Die Farben waren so deutlich, dass sie fast symbolisch wurden: Gelb wie Gewürz, wie Sonne, wie Medizin; Grün wie Pflanze, wie Hoffnung, wie Lagune.

„Das“, sagte Dr. Porsche, und man hörte, dass er diesen Moment liebt, „ist meine morgendliche Langlebigkeitszeremonie.“

Hans Castorp spürte, wie ihm ein Lächeln kam, nicht aus Spott, eher aus Staunen. Zeremonie. Ein Arzt, der Zeremonie sagt. Und doch passte es, weil in diesem Haus alles Zeremonie ist.

Dr. Porsche fuhr fort, sehr genau, sehr ruhig – und in dieser Genauigkeit lag der Riss: die Leidenschaft.

„Sie wiegen morgens“, sagte er, „drei bis dreieinhalb Gramm von diesem Gesundheitspulver ab.“

Er klopfte auf die gelbe Dose.

„Dunkelgelb. Kurkuma fünfundvierzig Prozent, Pfeffer fünf, Ingwer dreißig, Schwarzkümmel zehn, Amla fünf, Koriander fünf.“

Er sagte die Prozentzahlen, als seien sie Gebete. Hans Castorp dachte an Kinder, die Zutaten aufzählen; und an Apotheker, die Gifte mischen.

„Sie vermischen es mit wenig Wasser“, fuhr Dr. Porsche fort, „und Sie trinken es langsam, in einzelnen Schlucken – und vor jedem Schluck gurgeln Sie ein wenig.“

„Gurgeln“, wiederholte Hans Castorp.

„Ja“, sagte Dr. Porsche ernst. „Der Mund ist ein Tor. Und Tore brauchen Pflege.“

Hans Castorp dachte an Schwellenwächter, an den Hund in der Kuppel. Tore überall.

„Dann“, sagte Dr. Porsche, „nehmen Sie etwas mehr als ein Gramm Bittertropfen – klassische – in einem Schnapsglas. Ein wenig Zitronensaft dazu. Trinken.“

Er machte eine kleine Handbewegung, als würde er selbst trinken. Hans Castorp sah die orange Krawatte, wie sie sich ein wenig bewegte, und dachte, dass dieser Mann, so geschniegelt er ist, auch ein bisschen Priester ist.

„Dann“, fuhr Dr. Porsche fort, „Hibiskus-Weißtee. Am Vorabend angesetzt. Eine kleine Handvoll getrocknete Hibiskusblüten, und …“ Er hielt kurz inne, als prüfe er eine Formulierung. „…eine Prise getrocknete Weißtee-Blätter. Sie lassen ihn ziehen mit nicht ganz kochendem Wasser. Am Morgen filtern Sie. Die Farbe ist tiefrot. Es ist vermutlich das gesündeste Getränk aus 2 Zutaten, das Sie zu sich nehmen können.“

Tiefrot.

Hans Castorp dachte an Blut. An Stollen. An Lilien. An Venedig vielleicht – an Wasser, das rot werden kann, wenn man es zu lang betrachtet.

Dr. Porsche stellte die grüne Dose ein wenig vor, als sei das der eigentliche Akt.

„Und in diesen Tee“, sagte er, „mischen Sie zwei Komma fünf bis drei Gramm meines Langlebigkeitspulvers. Grasgrün. Verhältnis zwei zu zwei zu eins: NMN-Pulver, Betainpulver, Matchapulver.“

Er sagte Matcha mit einem leichten, modernen Stolz, als hätte er Japan erfunden.

Hans Castorp sah die Dose an. Grasgrün. Und hörte innerlich Morgensterns Satz: blaues Gras. Hier war es nun, das Gras, aber grün, korrekt, dosiert.

„Und damit nehmen Sie die Tabletten“, sagte Dr. Porsche, und nun wurde er, bei aller Zeremonie, ganz prosaisch, fast geschäftsmäßig – hier zeigte sich der Riss als Wechsel der Register.

„Basis: Vitamin D3/K2. Hundert Milligramm Acetylsalicylsäure. Resveratrol. Magnesium, wenn Sie Sport treiben. Multivitamin, Multimineralstoff, Multispurenelemente – mit Jod, wichtig. Q10. Und zur Blutzuckerstabilisierung: Metformin.“

Metformin.

Das Wort klang, als würde es in einem Motorraum ausgesprochen. Hans Castorp schluckte.

„Das ist viel“, sagte er.

Dr. Porsche nickte, und jetzt war er wieder warm, fast entschuldigend.

„Es ist nicht viel“, sagte er, „wenn man es als Ritual versteht. Es ist viel, wenn man es als Last versteht. Wir wollen es als …“ Er suchte nach dem Wort, und man sah, dass er es ernst meinte. „…Hygiene.“

Hans Castorp dachte: Hygiene ist heute die neue Moral. Man wäscht sich, und man wäscht sich, und man hofft, dass Schuld abwaschbar ist.

„Und was ist mit meinem Blutdruck?“ fragte Hans Castorp.

Dr. Porsche griff nach einem kleinen Gerät, das auf dem Tisch lag, als wäre es zufällig dort: ein Blutdruckmessgerät, sauber, modern, mit Manschette.

„Sie messen ab jetzt täglich“, sagte er, „vor dem Zubettgehen. Immer zur gleichen Zeit. Nicht obsessiv.“

Er sagte das Wort obsessiv schnell, als wüsste er, dass genau das passieren kann.

„Sie schreiben es auf“, fügte er hinzu.

Hans Castorp spürte das Holzstäbchen in der Tasche. Schreiben.

„Und der Aufenthalt?“ fragte er, vorsichtig.

Dr. Porsche lächelte, und diesmal war das Lächeln zugleich freundlich und geschäftlich.

„Mindestens drei Übernachtungen“, sagte er, und man hörte, dass er den Prospekt im Kopf hat. „Aber wenn Sie mich fragen – und Sie fragen mich, sonst säßen Sie nicht hier – dann wäre es klug, länger zu bleiben.“

„Warum?“ fragte Hans Castorp, obwohl er die Antwort ahnte.

Dr. Porsche sah ihn an. Und nun kam der Satz, der alles zusammenfasst, ohne es zuzugeben:

„Weil man Optimierung nicht im Vorbeigehen macht“, sagte er. „Und weil Sie – entschuldigen Sie, wenn ich das so sage – nicht der Typ sind, der schnell fertig wird.“

Hans Castorp lächelte höflich.

„Ich bleibe“, sagte er, und in dem Satz lag, wie so oft, mehr Wahrheit, als er beabsichtigt hatte.

Dr. Porsche nickte zufrieden, und nun zeigte sich der Riss in einer kleinen, menschlichen Müdigkeit: als wüsste er, dass dieses Bleiben nicht nur ein Erfolg ist, sondern auch eine Gefahr.

„Gut“, sagte er. „Dann machen wir aus Ihrem ‚normal hoch‘ ein ‚normal gut‘.“

Normal gut.

Hans Castorp dachte: Die Sprache wird hier zu einem Thermostat.

Dr. Porsche stand auf, reichte Hans Castorp die beiden Dosen, als gebe er ihm nicht Pulver, sondern eine neue Identität.

„Noch etwas“, sagte er, und seine Stimme wurde wieder leiser. „Sie sind gesund, Herr Castorp. Vergessen Sie das nicht. Aber Gesundheit ist heute kein Zustand mehr. Sie ist eine Aufgabe.“

Hans Castorp nahm die Dosen.

Er nickte.

Er stand auf, nahm die Manschette, die Ausdrucke, die Zahlen. Und er hatte das Gefühl, dass er nicht mehr als Gast aus dem Zimmer ging, sondern als Fall. Als Projekt. Als Programm.

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