Abschnitt 5

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Die Untersuchungen begannen nicht wie eine Untersuchung, sondern wie eine Choreographie.

Man führte Hans Castorp von Raum zu Raum, und jeder Raum hatte eine andere Temperatur, einen anderen Geruch, ein anderes Licht – als wolle man dem Körper sagen: Du bist nicht nur ein Körper, du bist ein Inventar.

Zuerst Lungenfunktion.

Ein Gerät, ein Mundstück, ein kurzer Befehl: tief einatmen, ausatmen, drücken, halten. Hans Castorp blies, und es war, als bliese er nicht Luft, sondern Geschichte. Er dachte an Davos, an Liegehallen, an das Hochland, an den Atem als Kur; und er empfand, wie die Moderne den Atem nicht mehr als Schicksal, sondern als Leistung behandelt.

Dann EKG in Ruhe.

Man klebte ihm kleine Punkte auf die Brust, wie man Markierungen auf ein Paket klebt. Kabel liefen von ihm weg, als hätte man ihm unsichtbare Fäden angelegt. Er lag auf einer Liege, und das Geräusch des Papiers – dieses feine, mechanische Kratzen, wenn Kurven gedruckt werden – erinnerte ihn an etwas, das er nicht sofort benennen konnte.

Kurven.

Kurven sind die Poesie der Kontrolle. Man verwandelt das Unsichtbare in eine Linie, und weil es eine Linie ist, glaubt man, man habe es verstanden.

Hans Castorp dachte an das Holzstäbchen. Man kann mit allem schreiben, wenn man bereit ist, dass es verwischt. Hier schrieb nicht ein Stäbchen, hier schrieb die Maschine. Und sie verwischte nicht.

Belastungs-EKG.

Man setzte ihn auf ein Gerät, das aussah wie ein Fahrrad, nur ohne Freiheit. Er trat in die Pedale, und ein Bildschirm zeigte Zahlen. Die Frau in Weiß sagte freundlich: „Ganz ruhig.“ Es ist unerquicklich, wie oft man in solchen Häusern „ruhig“ sagt, als sei Ruhe eine Schaltfläche.

Hans Castorp trat. Sein Herz schlug. Er sah den Schweiß auf seiner Stirn als Beweis, dass er lebt, und empfand zugleich eine leise Komik: Früher hat man sich angestrengt, um irgendwohin zu kommen. Heute strengt man sich an, um einen Wert zu erreichen.

Zwischendurch nahm man ihm Blut ab.

Röhrchen, farbige Deckel, ein kleiner Stich. Blut ist die alte Wahrheit, die sich nie modernisieren lässt. Es ist immer ein bisschen unanständig, selbst im Health-Bereich.

Dann Ultraschall.

Man legte ihn auf eine Liege. Man schob sein Hemd hoch. Gel, kalt, glitschig, auf die Haut – ein kleiner Schock, als müsse man die Oberfläche überwinden, um zur Wahrheit zu kommen. Ein Gerät glitt über ihn, und auf einem Bildschirm erschien sein Inneres als graue Landschaft. Das Herz schlug dort, schwarz-weiß, als wäre es ein Tier, das man im Schnee sucht.

Hans Castorp sah hin, und er dachte: So sieht man sich heute. Nicht im Spiegel, sondern als Schattenbild.

„Sehr schön“, sagte die Frau in Weiß.

Es war ein Satz, der in dieser Situation unerquicklich komisch war. Schön. Das Herz ist schön, wenn es funktioniert.

Man sah die Schilddrüse, man sah den Bauch, man sah die großen Gefäße, die wie Straßen durch den Körper laufen. Und dann, besonders sorgfältig, sah man die hirnversorgenden Arterien. Man suchte, ob der Kopf noch gut versorgt ist – als müsse man in einer Zeit, in der der Kopf so viel erfinden muss, auch sicherstellen, dass er genug Blut bekommt.

Arterieller Gefäßcheck.

Man legte Manschetten an, man maß, man hörte das Pumpen, dieses regelmäßige Aufblasen, als wolle die Maschine dem Körper zeigen, wie es sich anfühlt, kontrolliert zu werden. Hans Castorp dachte unwillkürlich an die Kriegsnächte, an Befehle, an Schritte, an das Drücken und Nachgeben. Der Körper erinnert sich an Prinzipien.

Bioelektrische Impedanzmessung.

Man ließ ihn auf eine Waage treten, die nicht nur wiegt, sondern urteilt. Sie teilte ihn in Wasser, Fett, Muskel, Masse, als wäre er ein Haushalt, den man abrechnet. Hans Castorp empfand eine leichte Scham, nicht weil seine Werte schlecht waren, sondern weil er sich, als Mensch, plötzlich sehr klein fühlte: ein Bündel Anteile.

Zwischen all dem lief Zeit.

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