Abschnitt 4

0:00 / 0:00

Es war ein englisches Wort, und gerade deshalb wirkte es wie ein Versprechen. Gesundheit, dachte Hans Castorp, ist auf Deutsch zu schwer; auf Englisch kann sie leichter verkauft werden.

Auf einem Tisch lag ein Prospekt.

Er nahm ihn auf.

Auf der Vorderseite war der gleiche Gang abgebildet, in dem er stand – ein hübscher Trick der Moderne: man zeigt dem Gast sein eigenes Dasein als Bild, damit er sich darin wiedererkennt und sich bestätigt fühlt. Unten stand: Dr. med. Wendelin Porsche. Medizinische Anwendungen.

Hans Castorp drehte den Prospekt um, und sein Blick fiel auf eine Liste.

Es war eine Litanei.

Herz-Kreislauf-Leistungstests, Laboruntersuchungen, Ultraschalluntersuchungen, Therapie. Lungenfunktion, EKG in Ruhe, Belastungs-EKG ohne Laktatmessung, 24 h Blutdruckmessung, arterieller Gefäßcheck (ABI + PW), bioelektrische Impedanzmessung; selektive Labortests, selektive Stuhltests; ein „13 C Harnstoff Atemtest“, und darunter stand – und Hans Castorp musste, trotz allem, kurz lächeln – „Helicopter Pylori Test“.

Helicopter.

Man fliegt heute sogar über die Bakterien hinweg.

Unter Therapie standen, wie ein kleiner, archaischer Spuk inmitten all der Technik: Akupunktur, Chirotherapie, Infusion – und Aderlass.

Aderlass.

Hans Castorp dachte, dass ein Haus, das Langlebigkeit verspricht, am Ende doch wieder beim Blut landet. Eros und Thanatos, dachte er, gehen immer durch die Adern.

Ganz unten stand ein Satz, der, in seiner nüchternen Grausamkeit, wie ein moralischer Nadelstich wirkte:

Ärztliche Gespräche werden je nach Zeitaufwand abgerechnet.

Zeitaufwand.

Der Zeitroman als Rechnungsposten.

Hans Castorp blätterte weiter, las „Jahres-Check“, las „mindestens 3 Übernachtungen“ und empfand, wie die Zahl drei – diese bürgerliche Zahl der Ordnung, der Aufenthalte, der „nur kurz“-Besuche – in ihm etwas Unruhiges weckte. Er wusste, wie das beginnt. Man kommt für drei Wochen. Und bleibt.

Er setzte sich.

Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie schnell man sich setzt, wenn ein Stuhl so gebaut ist, dass er Zustimmung auslöst. Hans Castorp saß, hielt den Prospekt auf den Knien und sah auf seine Hände. Sie waren ruhig. Und doch, unter der Ruhe, lag die alte Unruhe: der Gedanke an Einträge, an Listen, an Namen.

Neben ihm saß eine Frau, sportlich, in einem Trainingsanzug, die so aussah, als hätte sie ihre Ruhe nur als Zwischenstation. Auf der anderen Seite saß ein Mann, dessen Gesicht nach Geschäft roch, obwohl er frisch geduscht war. Alle saßen sie hier, als warteten sie auf ein Sakrament.

Und dann, am Ende der Reihe, saß ein Mann, der nicht hierher zu passen schien, weil er nicht aussah wie jemand, der optimiert werden will, sondern wie jemand, der sich selbst längst als Form begriffen hat.

Er war schlank, fast mager, und seine Haltung war so aufrecht, dass man unwillkürlich an Disziplin denkt, ehe man an Gesundheit denkt. Sein Haar war grau, sorgfältig, nicht geschniegelt, sondern geordnet. Er trug keinen Trainingsanzug, sondern eine schlichte Jacke, die so aussah, als sei sie aus der Gewohnheit des Anstands gewachsen. Auf seinen Knien lag kein Prospekt, sondern ein kleines Notizbuch.

Und er schrieb.

Nicht viel. Nicht hastig. Er schrieb, wie jemand schreibt, der das Schreiben als Pflicht kennt und als Rettung. Ein kurzer Strich, ein Wort, eine Pause – als müsste jeder Satz erst verdient werden.

Hans Castorp betrachtete ihn eine Weile, ohne es zu merken, wie man etwas betrachtet, das einen an etwas erinnert, das man nie gelebt hat: ein Leben, das in Ordnung ist, weil es Arbeit hat.

Der Mann hob den Blick.

Seine Augen waren hell und zugleich müde, und in ihnen lag eine Kühle, die nicht unfreundlich war, sondern schützend. Er sah Hans Castorp an, und für einen Moment war es, als hätten sich zwei verschiedene Formen der Bürgerlichkeit erkannt: die fliehende und die schaffende.

„Sie lesen“, sagte der Mann, und es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.

Hans Castorp hob den Prospekt ein wenig, als müsse er sich rechtfertigen.

„Man hat es mir empfohlen“, sagte er.

Der Mann nickte, als kenne er das Wort Empfehlung aus eigener Erfahrung.

„Empfehlungen“, sagte er leise, „sind die sanfteste Form des Befehls.“

Hans Castorp lächelte. Er mochte den Satz, weil er wahr war.

„Sie sind…?“ begann er.

Der Mann machte eine kleine Handbewegung, als wolle er das Nennen vermeiden. Dann, als hätte er doch beschlossen, dass man in Kapellen Namen sagt, sagte er:

„Gustav von A.“

Nur ein Anfangsbuchstabe, wie ein Vorhang. Hans Castorp dachte an Dr. AuDHS, an Kürzel, an Zuständigkeiten. Auch hier ein Kürzel – aber ein anderes: nicht modern, sondern aristokratisch, als wolle der Mann sich in einen Stammbaum zurückziehen.

„Hans Castorp“, sagte Hans, und spürte, wie leicht dieses Wort aus seinem Mund kam, als wäre es wirklich sein.

Gustav von A. nickte.

„Castorp“, wiederholte er, und man hörte, dass er das Wort prüfte wie ein Material. „Das klingt nach Norden.“

„Ich komme von unten“, sagte Hans Castorp.

Gustav von A. lächelte nicht. Er senkte den Blick wieder auf sein Notizbuch.

„Wir kommen alle von unten“, sagte er. „Aber wir tun hier oben gern so, als sei das Tal eine Legende.“

Hans Castorp schwieg. Der Satz war beinahe settembrinisch, aber ohne Beredsamkeit; eher wie ein Aschenbach-Satz, wenn man geneigt ist, in Funktionen zu denken.

„Sie sind hier wegen… Gesundheit?“ fragte Hans Castorp.

Gustav von A. zog die Schultern minimal hoch – eine Geste, die sagt: Ich nehme das Wort nicht ganz ernst.

„Ich bin hier“, sagte er, „weil ich arbeiten muss.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Arbeiten?“ wiederholte er.

Gustav von A. hob den Blick wieder. Und jetzt war da, ganz kurz, etwas wie ein Riss in seiner Kontrolle: nicht Schmerz, eher ein Aufflackern.

„Der Körper“, sagte er ruhig, „ist ein Werkzeug. Wenn er nicht funktioniert, kann man nicht schaffen.“

Schaffen.

Das Wort fiel in Hans Castorps Inneres wie eine kleine Münze in eine leere Schale. Tonio, dachte er, würde an diesem Wort leiden: an der Härte, die darin liegt, und an der Sehnsucht, die es zugleich erzeugt. Denn wer schafft, darf bleiben. Wer nicht schafft, bleibt verdächtig.

„Was schaffen Sie?“ fragte Hans Castorp, und es war unerquicklich, wie schnell man in solchen Räumen intime Fragen stellt, weil die Geräte sie vorbereiten.

Gustav von A. sah ihn einen Moment an, als überlege er, ob er antworten soll. Dann sagte er:

„Sätze.“

Hans Castorp spürte ein kleines, unwillkürliches Ziehen – Neid oder Bewunderung, er wusste es nicht.

„Sätze sind auch… Werte“, sagte Hans Castorp langsam.

Gustav von A. verzog den Mund kaum merklich. Es hätte ein Lächeln sein können, wenn er sich eines erlaubt hätte.

„Werte“, sagte er, und man hörte, dass er das Wort nicht liebt, „sind heute alles. Früher hatte man sie im Kopf. Heute hat man sie auf Papier. Oder auf Bildschirmen.“

Hans Castorp dachte an Fotos, an die Fotobox, an den Esel, an das Verwischen.

„Und wohin führen Ihre Sätze Sie?“ fragte Hans Castorp, mehr aus einem Gefühl heraus, als aus Interesse.

Gustav von A. blickte kurz zur Seite, als sähe er etwas, das nicht da war: Wasser vielleicht, eine Fläche, eine Bewegung.

„Nach Süden“, sagte er. „An einen Ort, der schön ist und unerquicklich.“

Hans Castorp hob die Brauen.

„Schön und unerquicklich“, wiederholte er.

„Ja“, sagte Gustav von A. „So wie alles, was einen verführt.“

Dann sah er wieder auf sein Notizbuch und schrieb ein Wort, als müsse er sich selbst daran erinnern.

Hans Castorp wollte noch etwas sagen – vielleicht fragen, vielleicht scherzen –, aber in diesem Moment öffnete sich eine Tür, und eine junge Frau in weißer Kleidung, nicht ganz Kittel, nicht ganz Hoteluniform, rief einen Namen.

„Herr Castorp?“

Hans Castorp stand auf.

Gustav von A. nickte ihm zu, kaum sichtbar, und sagte leise, ohne aufzusehen:

„Lassen Sie sich nicht zu sehr verbessern.“

Hans Castorp wollte antworten, aber da war er schon im Gang, hinter der weißen Frau her, und die Stühle blieben zurück wie eine Reihe von Beichtstühlen.

×