Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie sehr das Aufstehen in solchen Häusern bereits eine Entscheidung ist. Der Boden ist warm, die Luft ist warm, die Decke ist warm; und dennoch muss man sich erheben, als wäre das Leben eine Pflicht. Hans Castorp erhob sich. Er ging langsam, nicht weil er schwach war, sondern weil Langsamkeit, in einem Haus der Messungen, eine letzte Form von Selbstbestimmung sein kann.
Er ging durch Korridore, in denen man die Schritte nicht hört, weil Teppiche heute nicht mehr bloß Komfort sind, sondern Moral: sie dämpfen die Geräusche des Einzelnen, damit der Einzelne sich nicht so wichtig nimmt. Er ging an Türen vorbei, hinter denen Menschen lagen oder saßen oder atmeten, und über jeder Tür schien, gleichsam als Ersatz für Heiligenbilder, ein kleines Schildchen mit einem Wort, das die Funktion des Raumes ankündigte. Atem. Schlaf. Recovery. Mindfulness – man möchte lachen, wenn es nicht so ernst gemeint wäre.
Am Ende des Ganges stand eine kleine Station: eine Nische, in der Wasser bereitstand, Zitronenscheiben, Minzblätter, diese Alibis der Gesundheit. Hans Castorp nahm ein Glas, trank, und das Wasser war kühl und korrekt. Er dachte, dass Korrektheit ein Geschmack ist.
Als er das Glas abstellte, hörte er hinter sich eine Stimme.
„Guten Morgen, Herr Castorp.“
Er erstarrte nicht mehr so wie gestern; er hatte sich, wie man sich an jedes Unanständige gewöhnt, ein wenig daran gewöhnt, dass man ihn beim Namen nennen konnte. Und doch blieb etwas in ihm, das sich zusammenzog, sobald ein Mensch – nicht irgendein System, nicht irgendeine Liste – dieses Wort aussprach, das vielleicht nicht sein Wort war.
Er wandte sich um.
Dr. AuDHS stand da, geschniegelt, unauffällig teuer, mit jener glatten Ruhe, die sagt: Ich bin hier nicht privat. Sein Blick war wach, nicht neugierig; und gerade diese Abwesenheit von Neugier war unerquicklich, weil sie anzeigt, dass das, was er sieht, in eine Schublade gehört, die schon bereitsteht.
„Herr Doktor“, sagte Hans Castorp, und die Anrede war ihm, wie man weiß, eine Zuflucht: wenn der Name wackelt, hält das Amt.
Dr. AuDHS lächelte, sanft und ohne Wärme.
„Sie waren gestern im Blauen“, sagte er, als spräche er von einer Abteilung.
„Ja“, sagte Hans Castorp.
„Und Sie haben geschlafen“, fuhr der Doktor fort, und nun zeigte sich ein feiner Riss im Ton: ein Anflug von Befriedigung, als sei Schlaf ein erfolgreiches Ergebnis. „Gut. Schlaf ist hier oben … kostbar.“
Hans Castorp nickte. Er spürte das Holzstäbchen in der Tasche wie eine zweite, heimliche Wirbelsäule.
„Ich will Ihnen“, sagte Dr. AuDHS, „eine Empfehlung aussprechen.“
Das Wort Empfehlung ist in solchen Häusern ein höflicher Zwang. Es klingt nach Freiheit und meint Organisation. Hans Castorp schwieg. Schweigen ist, wie wir gesehen haben, seine Art zuzustimmen, ohne sich zu ergeben.
Dr. AuDHS deutete mit einem kleinen, unaufdringlichen Fingerzeig den Gang hinunter, als läge dort nicht nur eine Tür, sondern eine Idee.
„Wir haben“, sagte er, „eine präventiv-medizinische Untersuchung, die ich Ihnen ans Herz legen würde – am besten gleich zu Beginn des Jahres. Ein Jahres-Check. Nicht weil etwas nicht stimmt. Sondern weil …“ Er hielt inne, als suche er nach einem Wort, das zugleich ehrlich und markenfähig ist. „…weil man hier oben nicht wartet, bis etwas passiert.“
Hans Castorp lächelte höflich.
„Hier oben wartet man überhaupt nicht gern“, sagte er.
„Genau“, sagte der Doktor. „Warten ist unten. Hier oben ist …“ Er machte eine kleine Pause, in der sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde etwas Unangenehmes zeigte: Begeisterung. „…Bestform.“
Er sagte das Wort nicht deutsch, sondern in jener englischen Schräglage, die unserer Zeit den Anschein von Wissenschaft gibt, selbst wenn sie nur Werbung ist.
Hans Castorp spürte, wie ihm ein Lachen in der Kehle saß – nicht ein lustiges, eher ein bitteres. Bestform. Er dachte an Kautsonik, der stehen wollte, bis er nicht mehr stehen konnte. Er dachte an Morgenstern, der Teamarbeit lernen wollte. Und er dachte an sich, der verschwunden war, ohne wegzugehen. Bestform, dachte er, ist manchmal nur die Form, die man findet, um zu bleiben.
„Und wer führt diese Bestform durch?“ fragte er.
Dr. AuDHS hob die Hand, als präsentiere er eine Figur.
„Dr. med. Wendelin Porsche“, sagte er.
Der Name schlug in Hans Castorps Bewusstsein ein wie ein kleines, lächerliches Feuerwerk: Porsche. Geschwindigkeit. Leistung. Und nun ausgerechnet ein Arzt. Es war, als hätte die Moderne beschlossen, sich selbst zu karikieren.
„Porsche“, wiederholte Hans Castorp.
Dr. AuDHS lächelte dünn.
„Ja“, sagte er. „Er ist, wenn man so will, der Motor unserer Health-Abteilung.“
Das Wort Motor war ein bisschen zu passend, um nicht gemeint zu sein.
„Und warum empfehlen Sie mir das?“ fragte Hans Castorp.
Dr. AuDHS sah ihn an, und nun war in seinem Blick etwas, das man Fürsorge nennen könnte, wenn man wohlwollend ist – und Zugriff, wenn man streng ist.
„Weil Ihr Körper“, sagte er ruhig, „gestern laut war.“
Hans Castorp spürte einen kleinen Stich in der Brust. Laut. Das Wort traf ihn, weil es nicht vom Feuerwerk sprach, sondern von ihm.
„Ich habe nur gezuckt“, sagte er.
„Zucken ist eine Aussage“, erwiderte Dr. AuDHS. „Der Geist kann so tun, als sei er unbeteiligt. Der Körper kann das nicht. Er ist ehrlich.“
Hans Castorp schwieg. Er dachte: Ehrlichkeit ist gefährlich.
„Außerdem“, fuhr der Doktor fort, und hier trat der Riss in seiner Professionalität wieder hervor, „werden ärztliche Gespräche je nach Zeitaufwand abgerechnet. Es ist also …“ Er suchte, und man sah, dass auch er – der Mann der Kürzel – manchmal mit Begriffen ringt. „…zeitökonomisch, wenn Sie gleich zu Beginn wissen, wo Sie stehen.“
Zeitökonomisch.
Hans Castorp dachte: Der Zauberberg war eine Schule der Zeit. Die Sonnenalp ist eine Kasse der Zeit.
„Gut“, sagte er.
Er sagte es nicht begeistert. Er sagte es, wie man in ein Register unterschreibt: mit einem kleinen inneren Rückzug.
Dr. AuDHS nickte zufrieden.
„Ich lasse Ihnen den Termin einrichten“, sagte er. „Und – Herr Castorp –“ Er hielt inne, als wolle er etwas hinzufügen, das nicht im Prospekt steht. „Nehmen Sie es nicht als Diagnose. Nehmen Sie es als …“
„Programm“, sagte Hans Castorp.
Dr. AuDHS lächelte wieder.
„Sie lernen schnell“, sagte er.
Dann war er weg – nicht hastig, eher wie jemand, der nie wirklich da war.
Hans Castorp blieb stehen. Er trank den letzten Schluck Zitronenwasser, als müsse er sich reinigen, bevor er in die Kapelle geht. Dann ging er, nicht schnell, nicht langsam, in Richtung HEALTH.