Abschnitt 10

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Am Morgen stand Hans Castorp früh auf.

Nicht, weil er ausgeruht war, sondern weil Rituale, wenn man sie erst einmal akzeptiert hat, einen aus dem Bett ziehen wie Pflicht.

Er stellte eine kleine Waage auf den Tisch.

Sie war neu, sie glänzte, sie war präzise. Sie erinnerte ihn an die BIA-Waage, die ihn in Anteile geteilt hatte. Nun sollte sie Pulver wiegen: Anteile der Hoffnung.

Er nahm die gelbe Dose.

Er öffnete sie.

Der Geruch war warm: Kurkuma, Ingwer, Pfeffer – es roch nach Küche und Apotheke zugleich, nach Trost und Strenge. Er schüttete Pulver auf die Waage, langsam, Körnchen für Körnchen, bis die Anzeige stehen blieb.

3,2 Gramm.

Er starrte auf die Zahl, als wäre sie eine Prüfung.

Dann mischte er das Pulver mit wenig Wasser in einem kleinen Glas. Es wurde eine dicke, gelbe Flüssigkeit, die nicht schön aussah, aber ernst.

Er nahm das Holzstäbchen.

Er rührte.

Das Holzstäbchen, das gestern noch eine Einladung zum Verwischen gewesen war, wurde nun ein Rührstab der Hygiene. Hans Castorp empfand eine kleine Komik – und eine kleine Traurigkeit. Alles wird benutzt, dachte er. Auch die Symbole.

Er hob das Glas an den Mund.

Er gurgelte, wie Dr. Porsche gesagt hatte.

Es war, als gurgelte er nicht nur Flüssigkeit, sondern das Wort „normal hoch“.

Er schluckte.

Langsam. In einzelnen Schlucken.

Vor jedem Schluck gurgelte er wieder.

Es war unerquicklich intim, und zugleich unerquicklich mechanisch. Ein Ritual, das so tut, als sei es heilig, und doch aus Prozentzahlen besteht.

Dann Bittertropfen.

Er goss ein wenig Zitronensaft in ein Schnapsglas, tropfte hinein, mischte, trank.

Bitterkeit ist die moderne Form der Buße.

Dann der Tee.

Er holte aus dem Kühlschrank eine Kanne, die er am Vorabend, nach Dr. Porsches Anweisung, angesetzt hatte. Die Flüssigkeit war tiefrot. Er goss sie durch ein Sieb, und im Sieb blieben Blüten und Blätter zurück, vollgesogen, erschöpft, als hätten sie ihre Farbe geopfert.

Er betrachtete das Rot. Er dachte an Blut. Er dachte an Aderlass. Er dachte, wie dünn die Grenze ist zwischen Wellness und Opfer.

Dann nahm er die grüne Dose.

Er wog ab: 2,8 Gramm.

Er rührte das Grasgrün in das Tiefrot, und die Farbe veränderte sich, wurde dunkler, als mische man Hoffnung in Gefahr.

Er nahm die Tabletten.

Er legte sie, wie kleine Hostien, auf die Handfläche: D3/K2, Acetylsalicylsäure, Resveratrol, Magnesium, Multi-Vitamine-Mineralstoffe-Spurenelemente, Q10 – und das Metformin, das wie ein Fremdkörper zwischen all den Ergänzungen lag, weil es nach Ernst roch, nicht nach Lifestyle.

Er schluckte sie mit dem Tee.

Und während er schluckte, dachte er, verehrte Leserin, verehrter Leser, an einen Satz, der nicht ausgesprochen wurde, aber in allem steckte:

Man kann desertieren aus einem Krieg. Man kann desertieren aus einem Leben. Aber man desertiert nicht aus dem Körper.

Man kann ihn nur – wenn man Glück hat – dazu bringen, so zu tun, als wäre er ein Projekt.

Hans Castorp stellte das Glas ab.

Er sah auf das Holzstäbchen, das nun gelblich war vom Pulver.

Er dachte: Ich habe meinen Stift benutzt, um zu rühren.

Und er empfand, wie sich in dieser kleinen, lächerlichen Tatsache die ganze Moderne spiegelte: Man schreibt nicht mehr Namen. Man rührt Programme.

Er ging zum Fenster.

Draußen lag der Schnee.

Er war weiß, korrekt, unschuldig.

Und Hans Castorp, der zwischen Name und Alias lebte, zwischen Maske und Wahrheit, zwischen Hunger und Hygiene, dachte:

„Normal hoch“ – das ist vielleicht nicht nur ein Blutdruckwort. Es ist ein Lebenswort.

Er lächelte.

Das Lächeln war höflich.

Und ein wenig unerquicklich.

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