Abschnitt 7

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Morgenstern lächelte schief.

„Ja“, sagte er. „Gefährlich ist es. Weil man dabei nicht mehr recht hat.“

Hans Castorp dachte: Ich habe auch nicht mehr recht. Ich habe nur noch Leben. Und er empfand, wie eng diese beiden Dinge beieinander liegen.

„Viertens“, sagte Morgenstern, und seine Stimme wurde fester, fast hart, als hätte er hier den Kern. „Sicherheit.“

Er sprach das Wort so, als sei es ein Haus, in dem man wohnen möchte.

„Ich will für meine Frau und unsere Kinder emotionale und körperliche Sicherheit schaffen“, sagte er. „Keine Eskalationen. Keine Drohungen. Kein Druck. Keine manipulativen Dynamiken. Besonders nicht bei Konflikten. Nicht bei Intimität. Nicht bei Geld. Nicht…“ Er hielt inne, als sei da etwas, das er nicht aussprechen wollte. Dann sagte er doch: „…nicht bei Substanz.“

Hans Castorp sah auf das Wasser. Das Wasser trug ihn, das Wasser machte es leicht, Dinge zu sagen, die in trockener Luft schwerer wären.

„Sicherheit“, sagte er, „ist das große Versprechen dieser Häuser. Und manchmal ist es…“ Er suchte nach dem Wort, weil er wusste, dass jedes Wort ein Risiko ist. „…eine Form der Kontrolle.“

Morgenstern sah ihn an, überrascht.

„Ja“, sagte er leise. „Aber Kontrolle ist nicht immer schlecht. Manchmal ist sie… notwendig.“

„Ja“, sagte Hans Castorp. „Manchmal ist sie das, was verhindert, dass man wieder der Esel wird.“

Morgenstern nickte. Das Wort „Esel“ hatte, in der Wärme des Wassers, plötzlich etwas Tragisches.

„Fünftens“, sagte Morgenstern, und seine Stimme wurde weicher, als käme jetzt etwas, das er liebt. „Partnerschaftlichkeit.“

Er lächelte, diesmal ohne Bitterkeit.

„Ich will unsere Ehe als Teamarbeit verstehen“, sagte er. „Meine Frau als gleichwertige Partnerin. Als Mutter unserer Kinder anerkennen. Den Alltag mittragen. Nicht abwerten. Nicht gegeneinander. Zusammenarbeit. Wertschätzung.“

Hans Castorp hörte das Wort „Teamarbeit“ und empfand, mit einem leisen, toniohaften Schmerz, wie modern und wie fremd es ihm war. Denn Hans Castorp war, trotz aller Menschen um ihn herum, trotz aller Begegnungen, im Grunde immer allein gewesen. Er war, wenn man es so nennen darf, ein Einzelgänger der bürgerlichen Art: nicht rebellisch, nicht romantisch, sondern einfach jemand, der sich in Zwischenräumen eingerichtet hat.

„Team“, sagte er langsam. „Das ist ein schönes Wort. Und ein strenges. Es bedeutet, dass man nicht verschwinden darf.“

Morgenstern sah ihn an. „Sie sprechen, als wüssten Sie etwas davon.“

Hans Castorp lächelte. Es war ein höfliches Lächeln. Und ein wenig unerquicklich.

„Ich weiß“, sagte er, „wie man verschwindet, ohne wegzugehen.“

Morgenstern schwieg. Man hörte das leise Plätschern des Wassers, das Summen der Technik, das entfernte Lachen eines Kindes irgendwo in der Halle. Über ihnen, hoch oben, sah man durch das Oberlicht ein Stück blassen Himmels.

„Warum sagen Sie mir das?“ fragte Hans Castorp nach einer Weile.

Morgenstern blickte auf sein Telefon, als müsse er sich versichern, dass die Worte noch da sind.

„Weil ich gestern…“ Er schluckte. „Weil ich gestern in dieser Fotobox stand, mit einer Perücke auf dem Kopf und einem Eselsgesicht vor meinem Gesicht – und weil ich dabei, in diesem lächerlichen Zustand, plötzlich merkte, dass ich mich schon lange maskiere. Und dass es nicht komisch ist. Nicht für meine Frau.“

Hans Castorp dachte an die Frau aus der Nacht, an den Satz: Dabei ist heute alles Maske.

„Und warum ich?“ fragte er.

Morgenstern sah ihn an, und in seinem Blick lag etwas, das Hans Castorp nicht gern sah: das Vertrauen eines Fremden.

„Weil Sie mich angesehen haben“, sagte Morgenstern. „Nicht ausgelacht. Nicht so…“ Er machte eine kleine Geste, als meinte er das ganze Publikum. „…effekt‑ehrfürchtig. Sondern… als hätten Sie verstanden, dass es weh tut.“

Hans Castorp schwieg.

Er verstand. Und er wusste nicht, ob er verstehen wollte.

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