Und gerade das wirkte, auf eine merkwürdige Weise, wie eine neue Maske.
„Ja?“ sagte Hans Castorp.
Der Mann räusperte sich. Dann lächelte er kurz, als wolle er die Sache in eine leichte Form bringen, die sie nicht hat.
„Wir haben uns gestern… gesehen“, sagte er.
Hans Castorp nickte. Es war ein neutrales Nicken, das sagt: Ich erinnere mich, aber ich bestätige nichts.
„Ich bin Philipp Morgenstern“, sagte der Mann. „Und…“ Er machte eine Pause, als müsse er sich selbst ertragen. „…ich war gestern der Esel.“
Er sagte das Wort „Esel“ ohne Bitterkeit, aber auch ohne Stolz. Es hatte die Qualität einer Beichte. Und Hans Castorp spürte, dass ihn das Wort, so komisch es war, traf – nicht weil er Mitleid hatte, sondern weil Beichten in solchen Häusern, in solchen Höhen, immer etwas Ansteckendes haben: Man hört zu und weiß nicht, ob man selbst der Nächste ist.
„Herr Morgenstern“, sagte Hans Castorp höflich.
Morgenstern sah ihn an, als suche er nach einem Halt.
„Darf ich…“ begann er. „Darf ich Ihnen etwas sagen? Es ist… es ist unerquicklich, das hier am Beckenrand zu sagen, zwischen Chlor und Zitronenwasser, aber vielleicht ist genau das der richtige Ort, weil man hier ohnehin so tut, als sei man rein.“
Hans Castorp sagte nichts. Das Schweigen war seine Form von Erlaubnis.
Morgenstern atmete tief ein.
„Ich will nie wieder der Esel sein“, sagte er. „Der Esel, der behauptet, das Gras wäre blau.“
Hans Castorp blickte, fast unwillkürlich, durch die Glasfront der Halle hinaus. Draußen lag Schnee. Kein Gras war zu sehen. Und drinnen war Wasser, blau, eindeutig blau.
„Hier ist alles blau“, sagte Hans Castorp, mehr zu sich als zu Morgenstern. „Sogar das, was nicht blau sein müsste.“
Morgenstern folgte seinem Blick und lachte kurz – ein trockenes Lachen, das eher aus Erschöpfung kam als aus Humor.
„Ja“, sagte er. „Aber wissen Sie… ich habe das nicht im Spaß gesagt. Ich habe… ich habe Dinge verdreht. Ich habe…“ Er stockte. „Ich habe meine Frau verdreht.“