Es ist unerquicklich banal, das zu sagen; und doch war es, in diesem Moment, nicht banal. Denn dieses Blau war kein natürliches Blau, es war ein Blau, das sich aus Licht und Chemie zusammensetzte, ein Blau, das so unschuldig aussah, dass es fast moralisch wurde. Hans Castorp trat an den Rand. Seine Zehen spürten den kühlen Stein, der, obwohl er warm gehalten wurde, doch die Kälte der Materie in sich trug. Er hielt sich am Geländer fest, einem weißen Metallbügel, der über dem Wasser aufstieg, als wäre er die Hand eines Pflegers, und er stieg langsam hinein.
Wasser nimmt einen auf, wenn man hineinsteigt. Es drückt, es umschließt, es trägt. Und Hans Castorp, der in dieser Höhe und in diesem Leben so oft das Gefühl gehabt hatte, dass alles ihn drückt – Vorschriften, Moral, Vergangenheit –, empfand, wie der Druck des Wassers etwas anderes war: nicht bedrängend, sondern gleichmäßig. Er atmete. Die Geräusche der Halle wurden gedämpft. Das Denken wurde schwerer, das Fühlen leichter.
Er schwamm ein paar Züge, nicht sportlich, sondern wie jemand, der sich in einem Element bewegt, das nicht sein Element ist. Er sah, unter der Oberfläche, die Muster des Beckenbodens; und er dachte, wie ordentlich alles hier ist, sogar das Chaos der Wellen. Ordnung, dachte er, ist vielleicht nur die Angst, die sich geschniegelt hat – und das Wasser, hier, war die Angst in blau.
Als er den Rand wieder erreichte und sich an den Stein lehnte, hörte er hinter sich eine Stimme.
„Entschuldigen Sie.“
Er drehte sich um.
Ein Mann stand am Beckenrand, ebenfalls im weißen Bademantel, die Haare noch ein wenig feucht, die Brille beschlagen, als hätte die Wärme ihm die Augen benebelt. Er hatte ein Gesicht, das zugleich müde und entschlossen war – ein Gesicht, das so aussieht, als habe es in der Nacht gelacht und im Morgen entschieden, dass das Lachen nicht alles gewesen sei.
Und Hans Castorp erkannte ihn.
Nicht sofort als Person – Personen erkennt man oft erst, wenn man sie mit einem Namen versehen kann –, sondern als Gestalt. Es war der Mann aus der Fotobox: der Smoking, die helle Perücke, der Eselskopf mit dem gelben Grinsen. Der Mann, der sich zum Tier gemacht hatte, um für einen Augenblick nicht Mensch sein zu müssen.
Jetzt war er Mensch.