Und in der Nähe des Beckens lagen Liegen: geflochten, gepolstert, gestreift. Auf einer lag eine Decke, auf einer anderen ein aufgeschlagenes Heft – ein Hochglanzmagazin, dessen Seiten in Farben glänzten, die hier oben nicht vorkommen: Meerblau, Sandgelb, ein Rot, das nach Süden schmeckte. Neben einer Liege stand ein Glas, in dem Wasser war – Wasser mit einer Zitronenscheibe und ein paar grünen Blättchen, die so taten, als seien sie Natur, obwohl sie doch, in dieser künstlichen Wärme, eher wie ein Alibi wirkten: Seht her, ich bin gesund.
Hans Castorp blieb einen Moment stehen und betrachtete dieses Arrangements, diese moderne Form der Liegekur, und ihm kam – nicht als Gedanke, sondern als Empfindung – die Erinnerung an den Berghof, an Decken, an Thermometer, an die Ordnung der Zeit. Hier war es ähnlich und anders: Man lag nicht, um zu genesen, man lag, um zu optimieren. Man maß nicht mehr die Temperatur, man maß die Schritte; und wenn man doch Temperaturen maß, so geschah es nicht mit einem Glasstab im Mund, sondern mit kleinen Apparaten am Handgelenk, die jede Regung registrierten, ohne je zu erröten.
Hans Castorp setzte sich auf eine der gestreiften Liegen.
Er nahm das Heft nicht. Er sah es nur an. Er sah die Bilder, ohne sie zu lesen, und er dachte, wie unerquicklich es ist, dass die Welt heute alles in Bilder verwandelt, selbst das, was noch nicht erlebt ist; man kann den Süden kaufen, bevor man friert, und man kann das Meer konsumieren, während draußen Schnee fällt.
Er trank einen Schluck von dem Zitronenwasser, obwohl es nicht sein Glas war; und er tat es so vorsichtig, dass man ihm die Übertretung nicht ansah. Die Zitronensäure prickelte ihm auf der Zunge, wie eine saubere Strenge.
Dann zog er, fast unwillkürlich, die Hand in die Tasche des Bademantels – und fand, wie man ein lächerliches Geheimnis findet, das Holzstäbchen.
Es war noch da. Es war leicht. Es war nichts. Und doch lag in seiner Anwesenheit etwas Unanständiges, weil es ihn an die Nacht erinnerte, an die Frau, an das „Voilà“, an das Wort „gefährlich“, das auf eine Weise ausgesprochen worden war, die nicht nach Gefahr klang, sondern nach Erlaubnis.
Er hielt das Stäbchen zwischen den Fingern und betrachtete es. Der Gedanke kam ihm, dass man heute so vieles mit Stäbchen tut: Man rührt, man sticht, man markiert, man klickt, man tippt auf Glas. Man schreibt, ohne zu schreiben. Und er fühlte, wie diese moderne Schreibbarkeit, dieses Verwischen, etwas mit ihm zu tun hatte, der ja, wie wir wissen, zwischen Namen und Alias lebte.
Er steckte das Stäbchen wieder ein.
Und dann ging er zum Wasser.
Das Wasser war blau.