Abschnitt 2

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Man wird, verehrte Leserin, verehrter Leser, in solchen Einrichtungen zu einem sonderbaren Zwischenwesen. Kaum hat man den Smoking ausgezogen, die festliche Maske der Nacht, so bekommt man eine andere, weichere, weniger auffällige Maske umgelegt: Frottee. Weiß. Gürtelschlinge. Und mit dieser Hülle, die zugleich Kindheit (Handtuch) und Krankheit (Hospitalkittel) in Erinnerung ruft, wandert man durch Korridore, deren Teppiche gedämpft sind wie das Gewissen, und an Türen vorbei, hinter denen Menschen liegen, die entweder entspannen oder so tun.

Hans Castorp tat, was er immer tat: Er tat es ernsthaft. Er trug den Bademantel so, als habe er ihn verdient, und doch spürte er in diesem Ernst eine kleine Komik. Denn es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie leicht man sich in eine Uniform fügt, wenn sie warm ist.

Er trat in die Badehalle.

Und es war, als träte er in eine überdimensionierte Lunge.

Nicht nur, weil die Luft feucht war und warm – eine Wärme, die nicht gemütlich war, sondern funktional, als würde sie von Maschinen erzeugt, die man nicht sieht –, sondern weil die Halle selbst wie ein Atemapparat gebaut war: ein hoher Raum, überdacht von einem hellen, strahlenförmigen Gebälk, das sich zu einem runden Oberlicht hinaufzog, als sei oben ein Auge, das alles kontrolliert, aber freundlich tut. Über den Balken saß das Licht in kleinen Punkten, gleichmäßig verteilt, als habe man die Sterne domestiziert; und unter all dem lag das Wasser, blassblau, still, von feinen Reflexen bewegt, die auf der Oberfläche tanzten wie ein nervöses Lächeln.

Pflanzen standen da, Bäume sogar – ein großer Baum, der, alldieweil er in einem Gebäude stand, etwas Unanständiges hatte, als wäre er aus der Natur entführt und jetzt zu dekorativen Zwecken rehabilitiert worden. Seine Blätter hingen in die Sichtachsen, so dass man, wenn man sich auf eine bestimmte Weise setzte, die Welt durch Grün sah, wie durch einen Filter, wie durch eine Gewissensberuhigung.

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