Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, Stoffe, die unschuldig sind und dennoch sündhaft wirken, weil sie uns, wenn wir ihnen nahe kommen, nicht nur erfrischen oder erwärmen, sondern uns auf eine Weise verändern, die wir nicht kontrollieren: Musik gehört dazu, Alkohol, gewisse Gerüche; und Wasser gehört dazu, dieses scheinbar elementare, unverdächtige Medium, das sich immer so tut, als sei es nur da, um zu dienen – zu waschen, zu tragen, zu löschen –, während es doch im Grunde, wenn man es ernst nimmt, ein sehr zweideutiger Charakter ist. Es löscht nicht nur den Durst, es löscht auch die Zeit. Es nimmt Formen an, ohne eine zu behalten; es spiegelt, ohne Wahrheit zu garantieren; es kann, warm oder kalt, den Leib so vollkommen beschäftigen, dass der Geist, dieser bürgerliche Verwalter der Gründe, einen Augenblick lang den Dienst quittiert.
In einem Hause, das sich der Langlebigkeit verschrieben hat, ist Wasser daher nicht bloß Wasser, sondern Pädagogik. Es wird temperiert, gechlort, gefiltert, beleuchtet; es wird mit Mineralien „angereichert“ und mit Worten versehen, die, wie man heute sagt, den Effekt „kommunizieren“. Und man führt die Gäste, mit jener höflichen Unnachgiebigkeit, die Hotels und Kliniken gemeinsam haben, in diese Wasserwelten hinein, als wolle man ihnen sagen: Hier, im Blauen, wird alles wieder gut.
Hans Castorp hatte, nachdem er aus der Empfangshalle – jener Bühne des Kommens und Gehens, die in Wahrheit, wie wir wissen, nichts anderes ist als ein gut beleuchteter Schachbrettplatz für Identitäten – die Treppe hinab und dann wieder eine andere hinauf gegangen war, eine Weile nicht gewusst, wohin er eigentlich gehe. Er ging, weil er gehen konnte; und er ging, weil das Gehen in solchen Häusern bereits ein Teil des Programms ist. Bewegung, das ist die neue Tugend, selbst wenn sie, wie in diesem Fall, bloß darin besteht, den Bademantel anständig geschlossen zu halten und die Hausschuhe so zu setzen, dass sie nicht schlurfen wie die eines Patienten.
Ja: Bademantel.