Abschnitt 8

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Er deutete auf die Gläser.

„Ein Glas Champagner? Es ist Neujahr. Man muss das Datum trinken, sonst bleibt es einem im Hals stecken.“

Hans Castorp nahm ein Glas. Er spürte die Kühle in den Fingern, und er dachte an die Eisbar, an die Worte im Eis, die geschmolzen waren; jetzt war das Eis unsichtbar, aber die Kühle war noch da.

„Und Stollen“, sagte Kautsonik, und er hielt ein Stück hin, weiß bepudert, als trüge es den Schnee des Berges in sich.

Hans Castorp nahm es nicht sofort. Er sah auf den Puderzucker.

„Er sieht aus wie Schnee“, sagte er.

„Er ist Schnee“, sagte Kautsonik ruhig. „Nur mit Marzipan.“

Hans Castorp lächelte – und diesmal wusste er nicht, ob es ironisch war oder dankbar.

„Sie machen das lange?“ fragte er.

Kautsonik sah ihn an, und in diesem Blick lag ein ganzes Haus.

„Ich habe gesehen“, sagte er, „wie hier oben die Menschen gekommen sind. Und gegangen. Und wiedergekommen. Und nicht gegangen. Und gegangen, ohne zu gehen.“

Hans Castorp spürte einen Stich bei dem letzten Satz. Er wusste nicht, ob Kautsonik ihn meinte oder nur die allgemeine Wahrheit; aber bei Mann, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist die allgemeine Wahrheit selten ganz allgemein.

„Wie lange?“ fragte Hans.

Kautsonik zuckte die Schultern.

„Jahrzehnte“, sagte er. „Früher war das hier einfacher. Da hieß es Empfang. Heute heißt es Experience. Früher war ein Gast ein Gast. Heute ist er ein…“ Er suchte nach dem Wort und fand es nicht. „…Case.“

Hans Castorp hörte das Wort und dachte unwillkürlich an Akten, an Diagnosen, an AuDHS.

„Und Sie?“ fragte er.

Kautsonik lächelte, und das Lächeln hatte etwas Stolzes.

„Ich bin geblieben“, sagte er. „Das ist mein Talent.“

Hans Castorp hielt inne. Das Wort Talent stand zwischen ihnen wie ein Spiegel.

„Sie bleiben“, sagte Hans leise.

„Ja“, sagte Kautsonik. „Und wissen Sie, was das Schöne am Bleiben ist?“

Hans Castorp schüttelte den Kopf.

„Man muss sich nicht neu erfinden“, sagte Kautsonik. „Man muss nur stehen.“

Er sagte das Wort stehen mit einer Betonung, als wäre es eine Tugend.

„Sie stehen viel“, bemerkte Hans.

Kautsonik blickte auf seine eigenen Beine, als müsste er sich vergewissern, dass sie noch da seien.

„Ich stehe“, sagte er. „Das ist meine Existenzform. Sitzen kann jeder. Liegen können die, die sich das leisten. Stehen ist Dienst.“

Hans Castorp trank einen Schluck Champagner. Die Blasen stiegen ihm auf, aber sie hatten heute nicht mehr die elegante Ungeduld der Nacht; sie waren nüchterner, fast pflichtbewusst.

„Und wenn Sie nicht mehr stehen können?“ fragte Hans Castorp, und er hörte, wie unerquicklich es war, so zu fragen.

Kautsonik lachte kurz. Es war kein lustiges Lachen, eher ein kräftiges, das die Sache in Ordnung bringen will.

„Dann sterbe ich“, sagte er.

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