Abschnitt 7

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Unten war die Halle jetzt voller – nicht Menschen, sondern Bewegung. Es war Neujahrstag, und die Gäste kamen, geschniegelt und mit jenem müden Lächeln, das sagt: Wir haben gefeiert, aber wir bleiben zivilisiert. Die Luft roch nach Holz, nach warmem Kaffee, nach Parfüm, und unter all dem, ganz fein, nach jenem unsauberen Rest der Nacht, den man nie ganz aus den Teppichen bekommt.

Der runde Tisch in der Mitte war, wie Hans oben gesehen hatte, zum Altar geworden.

Neben ihm stand ein Mann, der ihn bediente.

Er war, in gewissem Sinne, das Gegenteil des Doktors. Der Doktor war modern, weil er Kürzel trug; dieser Mann war alt, weil er einen Namen trug – und zwar einen Namen, der wie eine kleine Komposition klang, mit einem anstößig kauenden Anfang und einem sanften Ende: Kautsonik.

Er war kahlköpfig, trug eine Brille und eine dunkle Jacke, die so korrekt saß, dass sie fast wie eine Uniform wirkte; an ihr waren helle Linien, die die Nähte nachzeichneten, als wolle man sichtbar machen, dass Ordnung nicht nur im Kopf, sondern auch im Stoff existiert. Am Kragen leuchtete ein kleines Stück Rot, wie ein diskretes Signal, dass selbst im Dienst ein Rest von Festlichkeit erlaubt ist.

Er stand gebeugt über der Platte und ordnete die Stücke, nahm eine Scheibe, legte sie ab, strich Krümel mit einer Handbewegung weg, die nicht einfach praktisch war, sondern wie eine Geste jahrzehntelanger Übung: nicht zu hastig, nicht zu langsam – die Geschwindigkeit des Dienens.

Hans Castorp trat näher.

Der Mann richtete sich auf.

Sein Blick war nicht taxierend wie der des Doktors; er war prüfend auf eine andere Weise: er war der Blick eines Menschen, der sein Leben lang gesehen hat, wie Menschen kommen und gehen, und der an ihrem Gang, an ihren Händen, an ihrer Art, ein Glas zu halten, erkennt, ob sie bleiben werden oder ob sie nur vorbeistreifen.

„Guten Morgen, der Herr“, sagte er, und seine Stimme hatte dieses Hotel‑Deutsch, das zugleich warm und unpersönlich ist, wie eine Decke, die man jedem umlegt.

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie sind…“ begann er.

Der Mann lächelte, und das Lächeln war, anders als das des Doktors, nicht rätselhaft, sondern offen – aber offen auf eine altmodische Weise, die schon wieder rätselhaft wirkt.

„Kautsonik“, sagte er. „Herr Kautsonik. Früher Concierge. Heute…“ Er machte eine kleine Pause, als müsse er sich selbst daran gewöhnen. „Guest Relations Manager.“

Er sprach die englischen Worte so aus, als schmeckten sie ihm nicht ganz; und Hans Castorp empfand, mit einem leisen Vergnügen, diese kleine Unzufriedenheit. Denn Unzufriedenheit mit dem Neuen ist eine Form von Treue.

„Guest Relations Manager“, wiederholte Hans Castorp.

„Ja“, sagte Kautsonik. „Man hat mich befördert, nachdem ich in Rente gegangen bin.“

„Das ist ein Widerspruch“, sagte Hans Castorp.

„Das ist die Moderne“, erwiderte Kautsonik, und in der kurzen Antwort lag eine Philosophie, die ohne Bücher auskommt.

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