Abschnitt 4

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Hans Castorp spürte, wie ihm eine Wärme in den Nacken stieg, die nicht vom Feuer der Kerzen kam. Neu, dachte er. Neu ist immer verdächtig. Neu ist immer registrierbar.

„Man könnte es so nennen“, sagte er.

Der Doktor trat näher ans Geländer, sah hinunter auf den Tisch mit dem Stollen, auf die Lilien, auf die Menschen, die sich dort bewegten, und er sagte, fast beiläufig:

„Neujahr ist ein merkwürdiger Tag. Alle sind erschöpft, aber alle tun, als seien sie erneuert.“

„Das ist das Programm“, sagte Hans Castorp.

„Ah“, machte der Doktor. „Sie sprechen schon wie wir.“

Er ließ den Blick wieder zu Hans Castorp zurückkehren. Dieser Blick blieb, wie ein Instrument, einen Tick zu lange auf Hans’ Gesicht, auf seinen Händen, auf der Haltung seiner Schultern, als lese er, ohne zu lesen, die Nachwirkungen der Nacht.

„Sie waren gestern unten?“ fragte der Doktor.

Hans Castorp dachte an die Eisbar, an das Feuerwerk, an das Zucken seines Körpers, und er spürte, wie ihm ein Reflex in die Brust stach – nicht Schmerz, eher Erinnerung in physiologischer Form.

„Ich war… da“, sagte er.

„Und?“ fragte der Doktor.

Hans Castorp hätte antworten können: Es war schön. Es war unerquicklich. Es war Kriegsspiel. Es war Maskerade. Es war Heimat. Er hätte vieles sagen können; aber er sagte, weil er Castorp war und nicht Settembrini, nicht Naphta, nicht jemand, der gern redet, nur dies:

„Es war laut.“

Der Doktor nickte.

„Laut ist für den Körper immer mehr als für den Geist“, sagte er. „Der Geist kann so tun, als sei er unbeteiligt. Der Körper kann das nicht. Er ist ehrlich.“

Hans Castorp betrachtete ihn.

„Sind Sie Arzt?“ fragte er.

„Ich bin Doktor“, sagte der Doktor. „Das ist heute schon viel.“

Hans Castorp lächelte. Es war ein höfliches Lächeln, und es war, wie er es an sich kannte, ein wenig unerquicklich, weil er dabei wusste, dass er lächelte.

Der Doktor fuhr fort, in jener sanften, sachlichen Art, die einem gleichzeitig beruhigt und ausliefert:

„Sie tragen einen Kragen wie ein Schild. Sie haben die Hände so in den Taschen, als hielten Sie etwas fest. Und Ihre Pupillen sind noch…“ Er hielt inne, als würde er ein Wort abwägen. „…unruhig.“

Hans Castorp spürte, wie ihm der Atem für einen Moment stockte – nicht aus Angst, sondern aus jenem kleinen Ärger, den man empfindet, wenn man gesehen wird.

„Sie sehen viel, Herr Doktor“, sagte er.

„Dafür bin ich da“, antwortete der Doktor. „Hier oben nennt man das: Betreuung. Früher nannte man es: Beobachtung.“

Er lehnte sich ans Geländer. Unten nahm jemand ein Glas, ein anderer lachte; der Tag setzte seine Verwaltung fort.

„Wissen Sie“, sagte der Doktor, „was die Menschen hier oben eigentlich kaufen?“

Hans Castorp dachte: Zeit. Wärme. Vergessen.

„Langlebigkeit“, sagte er.

Der Doktor schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Sie kaufen das Gefühl, dass ihr Leben ein Projekt ist. Dass man daran arbeiten kann, wie man an einer Fassade arbeitet. Das ist die neue Moral: Optimierung.“

Er sagte das Wort ohne Spott, aber man hörte, dass es ihm nicht ganz gefiel – nicht, weil es falsch wäre, sondern weil es zu gut passt.

Hans Castorp sah auf die Bücher, die in den Regalen standen, sauber aufgereiht, mit Rücken, die in verschiedenen Farben glänzten, als seien sie Waren.

„Und die Bücher?“ fragte er. „Was kaufen sie mit denen?“

Der Doktor folgte seinem Blick.

„Die Illusion von Tiefe“, sagte er ruhig. „Ein Buch ist heute ein Möbelstück, das behauptet, man habe Zeit.“

Hans Castorp schwieg. In ihm regte sich – leise, unerquicklich – eine Traurigkeit. Nicht, weil er sentimental war, sondern weil er ahnte, dass der Doktor recht hatte und dass Recht‑haben etwas Kaltes ist.

„Und Sie?“ fragte der Doktor plötzlich. „Was kaufen Sie?“

Hans Castorp spürte, wie ihm das Wort „Name“ auf die Zunge stieg, wie ein Fremdkörper.

Er dachte an den Mann, der in der Nacht Namen schrieb. Er dachte an das Holzstäbchen, das ihm die Frau gegeben hatte. Es war noch in seiner Tasche; er spürte es jetzt, als wäre es plötzlich schwer. Ein lächerliches Ding – und doch war es da wie ein Beweis.

„Ich kaufe nichts“, sagte er.

Der Doktor lächelte wieder, dieses ruhige Lächeln.

„Natürlich“, sagte er. „Das sagen alle, die am meisten kaufen.“

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