Man stelle sich, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Bibliothek vor, die nicht wie eine Bibliothek aussieht, sondern wie eine Bibliothek wirken soll. Denn Bücher sind heute, wie so vieles, weniger Gebrauchsdinge als Zeichen; man stellt sie nicht hin, um sie zu lesen, sondern um gelesen zu werden – von den Augen der anderen, die die Zimmer, die Hallen, die Regale betrachten und daraus den Schluss ziehen: Hier ist Kultur, hier ist Ruhe, hier ist Niveau, hier darf man sich, ohne lächerlich zu sein, als Mensch mit Innenleben fühlen.
Aber diese Bibliothek war, bei aller Wirkungslust, doch eine reale: Sie lag hoch über der Empfangshalle, auf einer umlaufenden Galerie, als hätte man der Geschäftigkeit des Kommens und Gehens einen Kranz aus Stille darübergesetzt; und die Stille war nicht vollkommen, sie war durchlässig, denn sie ließ die Geräusche der Halle heraufsteigen – das Klirren von Gläsern, das gedämpfte Rollen von Koffern, das leise Summen jener technischen Wärme, die in diesem Hause die Kälte kuratiert.
Hans Castorp ging hinauf.
Er ging nicht schnell. Er ging in jener Art, die den Eindruck von Selbstbestimmung erweckt und in Wahrheit nichts anderes ist als ein Sich‑Fügen. Seine Füße fanden die Stufen, und sein Körper, dieser unbestechliche Chronist, meldete, während er sich bewegte, den Nachhall der Nacht: ein leichtes Ziehen in den Schläfen, eine Trockenheit im Mund, die nicht vom Alkohol allein kam, sondern von jener inneren Spannung, die der Körper ausbildet, wenn er sich gegen Erinnerungen wehrt. Er dachte an das Feuerwerk, an das Zerren des Himmels, an den Reflex seines Herzschlags – und er dachte, dass man, wenn man desertiert, zwar aus einem Krieg entkommen könne, nicht aber aus dem Geräusch des Krieges.